Island - Golden Circle

Es ist Sonntagmorgen und die Wolken hängen erneut tief. Wir verlassen Reykjavik. Mit einem guten Frühstück im Magen, einer Kiste Lebensmittel im Auto und ganz viel Neugierde auf das was uns erwartet. Unsere nächste Unterkunft, ein kleines Cottage, liegt in Reykholt. Davon gibt es zwei, wie unser Navi feststellt, und es dauert ein wenig bis wir das richtige ausgemacht haben, nämlich das an der Nationalstraße 35. Von hier lassen sich problemlos der Geysir und auch der Gullfoss erreichen.
Wir werden einen kleinen Umweg machen, es ist genug Zeit, um uns  die alte Parlamentsstätte Þingvellir (Thingvellir) anzusehen. Nun stellt euch bloß kein Parlamentsgebäude oder so etwas vor, das lief auf Island nämlich ganz anders ab. Einmal im Jahr, irgendwann im Juni, hielten die Isländer hier ihre traditionelle gesetzgebende Versammlung ab, und zwar bereits seit dem Jahr 930. Hier wurden Streitigkeiten geschlichtet und Gesetze beschlossen. Darüber hinaus sicher auch Neuigkeiten ausgetauscht, Waren angeboten, Feste gefeiert und all das, was immer passiert, wenn viele Leute aufeinander treffen. Bis zu 4000 Menschen versammelten sich hier dann und bauten ihre provisorischen Unterkünfte in der Schlucht auf. An einem geologisch sehr eindrucksvollen Ort, der Allmännerschlucht, die darüber hinaus auch die Grenze zwischen Europa und Amerika ist. Denn hier treffen die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinander.
Unsere Fahrt führt uns an grünen Hügeln mit Schildern vorbei, die Schafe darstellen - seltsam... gibt es davon nicht genug lebende auf den isländischen Hügeln und Bergen? Die Straße zieht sich wie ein Band durch die braun bewachsene Hochebene, die Wolken werden dunkler, hängen tiefer... und es beginnt zu regnen. Regnet immer noch, als wir unser kleines Auto auf dem Parkplatz abstellen, übrigens der einzige während unseres Urlaubs, für den eine Parkgebühr verlangt wird.
Also Regenjacke zu, Kapuze aufsetzen und los gehts. Ein Scheibenwischer für die Brille wäre wünschenswert. Doch wundersamer Weise hört es auf zu regnen, als wir oben auf den Felsen stehen, unter uns der Fluss Öxara, der auf den Versammlungen die Menschen mit frischem Wasser versorgte. Ein beeindruckender Ausblick.
Es bleibt trocken, während wir durch die Schlucht wandern, gemeinsam mit vielen anderen Menschen in bunten Regenjacken. Trotz des schlechten Wetters ist es voll hier, gehört Þingvellir doch zu den top-touristischen Zielen. Reisebusse kippen ihren menschlichen Inhalt auf den Parkplatz, woraufhin ein jeder fotoapparatbewaffnet geschäftig herumeilt, um möglichst schnell möglichst viel in sich und die Kamera aufzunehmen, da ja alle wieder rechtzeitig im Bus sein müssen. Wir haben Zeit. Wie schön!
Auf der anderen Seite des Flusses befindet sich eine kleine Kirche, eine Brücke führt über den Öxara, hier sind schon wesentlich weniger Menschen unterwegs. Nachdem wir einen Blick hineingeworfen haben, verschließt ein junger Mann die Kirchentür und wir wandern im weiten Bogen über eine andere Brücke zurück. Wir schaffen es bis zum Auto, als erneut der Regen einsetzt. Gutes Timing!
Was folgt könnte man mit entspanntem Picknick im Fahrzeug beschreiben, während die Regentropfen in Bächen an den Scheiben herunterlaufen. Das war eigentlich anders geplant, aber man muss mit den Gegebenheiten zurecht kommen. Heißer Kaffee, belegte Brote und Schokolade geht super im Auto.
Wir machen noch einen Abstecher zum Bischofssitz Skálholt, wo ehemals eine große Stabkirche gestanden haben soll. Heute findet sich hier ein schlichter weißer Kirchenbau und  eine kleine aus Torf, Holz und Stein errichtete Kapelle mit dem so typischen Grasdach, das wir auf unserer Reise immer wieder sehen werden.  Außer uns streift nur noch eine einsame Gestalt über das Gelände, ansonsten ist niemand zu sehen. Das ist das wunderbare hier in Island, verlässt man die bekannten touristischen Pfade, ist man auch während der Hochsaison oft alleine unterwegs. Was wir noch mehrmals feststellen werden.
Der kleine Ort Reykholt, zu dem unser Ferienhäuschen gehört, besteht aus wenigen Häusern, einem Schwimmbad, einem Restaurant, Gewächshäusern und der obligatorischen Tankstelle, die gleichzeitig Lebensmittelladen, Imbiss und Informationsstelle ist. Eindeutig der wichtigste Teil eines solchen Dorfes. Unsere Hütte ist super ausgestattet, liegt einsam und versteckt hinter Bäumchen und hat sogar eine kleine Veranda. Wegen des Wetters im Moment nur nicht nutzbar.
Am nächsten Morgen machen wir erstmal etwas ganz anderes... wir suchen einen Arzt auf. Tatsächlich habe ich anfänglich gedacht, dass wir dafür ins etliche Kilometer entfernte Sellfoss müssen. Doch das isländische Gesundheitssystem ist super aufgestellt, zahlreiche über das ganze Land verteilte Gesundheitszentren sichern die medizinische Versorgung. Das nächste ist im nur wenige Kilometer entfernten Laugaràs und da fahren wir jetzt hin. Ich bin mit Antibiotika und Nebenhöhlenentzündung in diesen Urlaub gestartet und es wird irgendwie eher schlechter als besser. Ja, und in diesem Gesundheitszentrum lernen wir nicht nur, dass unsere Krankenkassenkarte auch hier anerkannt wird - also die europäische Rückseite derselben - nein, darüber hinaus erfahren wir, dass diese Zentren und auch viele andere Einrichtungen nicht mit Schuhen betreten werden. Die zieht man am Eingang aus, stellt sie ordentlich in ein Regal und besucht den Arzt auf Socken. Das schafft gleich ein besonderes Vertrauensverhältnis, man fühlt sich wie Zuhause. Ich verlasse das Gesundheitszentrum mit neuen Medikamenten - die übrigens hervorragend geholfen haben - und weiß dank der Erklärung des Arztes, dass man sich der Schuhe entledigt, da in den meisten Monaten dank des isländischen Wetters an denselben reichhaltig Matsch, Eis und Modder haftet.
Den Rest des Tages verbringen wir mit Besichtigungen, während wir gleichzeitig die unterschiedlichsten Formen isländischen Regens kennenlernen. Wir sind spät dran, dementsprechend voll ist es, die Reisebusse sind auch schon da. Das Geothermalfeld, auf dem ein Geysir, nämlich der Strokkur immer noch zuverlässig spuckt, können wir bereits aus der Ferne erkennen. Seltsam über Erde zu wandeln, aus der es dampft und zischt und brodelt.
Der Strokkur ist ordentlich umlagert, als wir nach einem kurzen Spaziergang dort anlangen, doch es ist immer noch genug Platz, um das Schauspiel unbehindert genießen zu können. Unglaublich, zu sehen wie dieses Wasser sich plötzlich aufwölbt und als Wassersäule in den grauen Himmel schießt, um schließlich die Besucher in Dampfschwaden zu hüllen, während alles in sich zusammenfällt.
Es beginnt wieder stärker zu regnen, wir flüchten ins ein wenig überfüllte Besucherzentrum und versuchen das ganze bei einem leckeren Eis abzuwarten. Doch es schüttet immer weiter, so dass wir beschließen weiter Richtung Gullfoss zu fahren. Vielleicht hört es ja in der Zwischenzeit auf...
Doch das sonst so wandelbare isländische Wetter überzeugt heute durch Beständigkeit. Auf dem Weg zum Gullfoss begleitet uns dauerhaft das Geräusch unseres Scheibenwischers. Nirgendwo ein Anzeichen dafür, dass es irgendwann aufhören könnte zu regnen. Egal. Regenjacke an, Kapuze auf und raus aus dem Auto. Wir wollen diesen gigantischen Wasserfall sehen. Auch wenn es regnet. Dass wir ihn überhaupt noch sehen können, verdanken wir übrigens einer Bauerntochter - Sigríður Tómasdóttir. Ihr Vater hatte das Land zur Energieerzeugung verpachtet, bereute es aber kurze Zeut später. Seine Tochter führte deswegen vergeblich einen langjährigen juristischen Kampf. Erst als Sie drohte, sich in die Fluten des Gullfoss zu stürzen, wurde das Vorhaben aufgegeben.
Und so stehen wir heute im Regen oberhalb dieses gigantischen Wasserfalles, der sich in zwei Stufen in eine schmale Schlucht ergießt und können nur staunen. Da wir inzwischen ziemlich durchweicht sind, beschließen wir das ganze für heute zu beenden. Wir werden morgen wiederkommen, so früh wie möglich und hoffen, dass wir dann besseres Wetter haben.
Am nächsten Morgen ist sie tatsächlich da: die Sonne. Ab und zu blinzelt sie hinter den Wolken hervor, hurra! Wir packen unser Frühstück ein und sind vor den Massen am Gullfoss. Wenn man so alleine vor diesem Naturwunder steht, ist der Wasserfall gleich noch doppelt beeindruckend. Nass wird man übrigens auch ohne dass es regnet. Wer dem Pfad hinab bis dicht an die Kante der Schlucht folgt, steht im feinen Sprühnebel, der mit seiner Feuchtigkeit übrigens auch dafür sorgt, dass es hier so besonders grünt und blüht.
Auch das Geothermalgebiet mit dem Strokkur besuchen wir ein zweites Mal an diesem Morgen. Nur wenige Besucher sind genauso früh aufgestanden wie wir und wir wandern eine knappe Stunde entspannt zwischen zischenden Wassern und Nebeln umher. Manchmal glasklar, manchmal milchigblau schwimmt es in den Tümpeln. Ab und zu hüllt uns Schwefelgeruch ein und wir verschwinden im warmen Wasserdampf. Wenn ich diese Wunder um mich herum betrachte, verstehe ich all die Mythen und fantastischen Geschichten, die dieses Land hervorgebracht hat.
Nun ist es erst früher Vormittag, wir haben noch den ganzen Tag zur Verfügung. Was also machen wir nun? Nach eifrigem Blättern im Reiseführer entscheiden wir uns den Museumshof Þjóðveldisbær anzufahren. Hier wird die Wohnweise der ersten isländischen Siedler nachgestellt, und zwar basierend auf der Ausgrabungsstätte Stöng, die unweit des Museumshofes liegt. Leider unerreichbar für uns, da wir kein Allradfahrzeug haben. Stöng ist ein Gehöft, das bei Ausbruch der Hekla im Jahr 1104 verschüttet und dann bei Ausgrabungen im Jahr 1939 gut konserviert unter einer dicken Schicht Bimstein wiederentdeckt wurde. 
Unser Navi behauptet erst einmal, dass es keine Route dorthin finden kann, das Ziel wäre isoliert... Aha... Wahrscheinlich haben wir wieder irgendwas falsch eingestellt. Wir schalten es einfach aus und fahren nach der Übersichskarte im Reiseführer. Überhaupt kein Problem! Auf der landschaftlich wirklich sehr schönen Strecke dorthin treffen wir kaum ein Fahrzeug. Wir sind abseits der ausgetretenen touristischen Pfade hier im Golden Circle unterwegs, das merkt man sofort.
Die Sonne findet öfter den Weg durch die Wolken, wir lassen die Regenjacken im Auto, als wir den Hof erreichen. Ein wirklich schöner Platz. Auch wenn der Originalhof hier nicht gestanden hat, hätte ich mir genau so einen Ort ausgesucht, um ein Haus zu bauen. Oben in den Hügeln, von Felswänden vor den Winden geschützt, ein kleiner Wasserfall stürzt hinab ins grüne Tal und plätschert durch grüne, blütengesprenkelte Wiesen. Es ist still hier, man hört nur das Wasser gurgeln. Ein idyllischer Ort.
Im Inneren des grassodengedeckten Hofes wird einem das alltägliche Leben der ersten isländischen Siedler näher gebracht, darüber hinaus gibt es noch eine Kapelle, auch eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche, die man in Stöng ausgegraben hat. Mir hat der Besuch dort wirklich sehr gut gefallen.
Zum Abschluss setzen wir uns auf einen Felsen und picknicken. Genießen dabei die Sonnenstrahlen, die immer wieder für kurze Zeit durch die Wolken linsen und unsere Gesichter wärmen. Hatte ich schon irgendwo erwähnt, dass die Luft auf Island anders ist? Frischer, sauberer, als hätte man die Landschaft grad aus der Waschmaschine geholt und bei kühlem, leichten Wind zum Trocknen aufgehängt.
Ich freue mich schon auf die weitere Reise. Morgen geht es an die Südküste. Vielleicht lesen wir uns dort...


Island - Wir beginnen in Reykjavik

Der Hamburger Himmel hüllt sich in dicke Wolken, als unser Flugzeug Richtung Island startet. Etwas mehr als drei Stunden später landen wir auf dem Flughafen Keflavik und können durch einige Wolkenlücken noch die Sonne erspähen, die uns während des Fluges so zuverlässig begleitet hat.
Wir hätten auch mit  Fähre und eigenem Fahrzeug von Hirtshals in Dänemark über die Faröer-Inseln anreisen können, haben uns aber dagegen entschieden, da die Fähre pro Strecke zwei ganze Tage benötigt.
Durch die zweistündige Zeitverschiebung ist es erst früher Nachmittag, als wir an den eher spärlichen Gepäckbändern auf unsere Koffer warten. Übrigens eng gedrängt mit unzähligen anderen Reisenden. Der Flughafen Keflavik ist auf den Touristenansturm, der hier inzwischen in den Sommermonaten herrscht, nicht so wirklich vorbereitet und etwas unterdimensioniert. Einige halten hier bereits seit über fünfundvierzig Minuten nach ihrem Gepäck Ausschau. Wir haben Glück und können unseres schon nach knapp dreißig Minuten vom Band fischen.
Der gelbe Shuttlebus bringt uns zur Autovermietung, Formalitäten erledigen, Koffer in den kleinen Wagen quetschen und los gehts. Drei Wochen haben wir nun Zeit diese Insel zu erkunden. Unsere erste Bleibe haben wir in der 50 Kilometer entfernten Hauptstadt Islands - Reykjavik. Diese Strecke ist wahrscheinlich für die meisten Reisenden die erste Begegnung mit den besonderen Landschaften Island. Auf unserer gesamten Reise werden wir immer wieder daran erinnert, dass der Mensch hier nur ein Besucher sein kann, der sich arrangieren muss mit den Naturgewalten, die diese Insel formten und immer noch formen. Feuer und Eis prägen die Landschaften, sorgen für Kontraste und Farbenspiele, lassen dich nach Luft schnappen, staunen und an Wunder glauben. Wolkenspiele und Nebel verhüllen geheimnisvoll Berge, Gletscher und Lavafelder oder lassen solche unverhofft aus den Nebeln auftauchen. Wie noch unzählige Male während unserer Reise, halten wir am Fahrbahnrand, um das festzuhalten, was doch kein Foto so richtig wiedergeben kann.
Reykjavik - die nördlichste Hauptstadt Europas - wirkt auf den ersten Blick auf uns, die wir an europäische Metropolen gewöhnt sind, fast ein wenig kleinstädtisch. Und das, obwohl hier über die Hälfte der isländischen Bevölkerung lebt, wenn man die umliegenden Gebiete mit einberechnet. Während wir an einer roten Ampel stehen, schweift mein Blick zum neben uns stehendem Fahrzeug, das unter der Last eines aus Palletten bestehenden, wohl selbst konstruierten Gepäckträgers, auf dem ein kunstvoller Turm aus einer dicken Matratze und diversen verschlissenen Brettern thront, hinüber. Ein alter Mann, mit wettergegerbten Gesicht, riesigen gelben Kopfhörern, eine hochgeschobene Fliegerbrille auf dem schütteren Haar, sitzt hinterm Steuer und klopft mit den Fingern am Lenkrad den Takt der Musik mit. Lässt nicht nur meinen Mund, sondern auch mein Herz lächeln. Ich liebe skurrile Typen, die scheint es hier zu geben, wunderbar!
Unser kleines Apartment befindet sich auf einem Hinterhof an der Laugavegur - die Einkaufsstraße Reykjaviks. Erstaunlicherweise finden wir auch sofort einen Parkplatz. Die Vermieterin, eine alte Dame, die ein hervorragendes Englisch spricht, wie so viele hier auf Island, versorgt uns mit den nötigen Informationen über Einkaufsmöglichkeiten und Öffnungszeiten. Während dieses Urlaubs ist Selbstversorgung angesagt, Islands Restaurantpreise sind nicht unbedingt die günstigsten in Europa. Um die Ecke liegt ein Geschäft der Discounterkette Bonus, erkennbar an dem rosa Schweinchen über der Tür. Hier statten wir uns erst einmal aus, bevor der Laden um 18.30 die Türen schließt. Übrigens machen viele der Filialen erst um 11 Uhr am Vormittag auf. Gewöhnungsbedürftig.
Eine Runde Spaghetti kochen, eine schnelle Tomatensauce und dazu den Wein, den wir aus dem Dutyfree mitgebracht haben. Alkohol ist auf Island nur in speziellen Geschäften erhältlich, den staatlichen Vínbúðin, die Preise sind hoch. Wer kann und möchte, sollte sich im Dutyfree eindecken, das spart imens.
Am Abend bummeln wir noch ein wenig durch die Stadt, es ist auch Mitte August noch bis 22 Uhr hell. Der Himmel hat sich zugezogen, es ist aber trocken, ein wenig kühl mit 12°, aber durchaus auszuhalten.
Islands Hauptstadt präsentiert sich bunt. Graffitis zieren die Häuserwände, es gibt gemütliche Cafés, holzverkleidete Pubs, individuelle Boutiquen und Kunstgalerien. Der Innenstadtbereich lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Wir bummeln hinab bis zur Harpa, dem architektonisch etwas eigenwilligen Konzerthaus, das am alten Hafen liegt. Ebenso wie der Bau der Elbphilharmonie den Hamburgern, war auch der Bau dieses Konzerthauses den Bewohnern Reykjaviks lange Zeit ein Dorn im Auge. Einmal weil es Millionen verschlungen hat, aber auch weil sich der Blick auf den Hafen und die Stadt drastisch veränderte. Ich bin mir nicht sicher, ob mir dieser Bau wirklich gefällt. Ja, er hat durchaus etwas, wirkt aber auf mich ein wenig deplatziert dort am Wasser.
Der nächste Tag beginnt. Das erste Mal duschen mit leicht schwefelig riechendem Wasser. Ein Geruch der uns mal stärker, mal schwächer auf unserer Reise begleiten wird. Dann  Frühstück in unserer kleinen Wohnung, Brötchen gibt es beim Bäcker um die Ecke. Wunderbar, wenn man so mittendrin wohnt. Unser erstes Ziel für heute ist die Hallgrimskirkja, die oben auf einem Hügel liegt und die wir gestern haben links liegen lassen. Die Wolken hängen ein wenig tiefer heute, vorsichtshalber streifen wir die Regenjacken über.
Die Kirche hat etwas von einer Rakete, zumindestens sieht es für mich so aus. Tatsächlich sollen die Betonpfeiler aber den Basaltsäulen nachempfunden sein, die man in der isländischen Landschaft häufig vorfindet. Vor der Kirche schaut der Wikinger Leif Eriksson -nach der Vinland-Saga der Entdecker Amerikas- von seinem Sockel in die Ferne. Es fängt an zu regnen. Also nichts wie nach oben auf den Turm. Zirka 7 Euro Eintritt zahlen wir pro Person, hinauf geht es nur mit dem Fahrstuhl.
Die Aussicht von dort oben gefällt mir wesentlich besser als das Äußere der Kirche, aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache.
Zurück geht es an bunten Häusern vorbei hinunter zum alten Hafen. Es hat aufgehört zu nieseln, von Sonne aber weit und breit nichts zu sehen. Nicht, dass wir etwas anderes erwartet hätten, schließlich sind wir ja in Island. Vom alten Hafen aus starten die Walsafaris und noch diverse andere Bootstouren. Wir haben uns aber entschieden die Wale erst von Akureyri aus zu suchen und bummeln deshalb nur so um das Hafenbecken herum.
Schauen den Leuten beim Einkleiden für die Walsafaris zu. Farbenfroh präsentieren sie sich in warmen und wasserdichten roten Overalls. Blicken den klingelnden Radfahrern hinterher, die ihre Stadterkundungstouren von hier aus starten. Und all den Reisebussen, die ihre menschlichen Ladungen hier ausschütten und wieder abholen. Trotzdem wir langsam auf die Nachsaison zugehen, ist es immer noch recht trubelig hier.
Nachdem wir eine Pause in unserer kleinen Wohnung gemacht haben, starten wir mit dem Auto Richtung Nautholsvik. Hier gibt es eine künstliche Lagune, in der sich das kalte Atlantikwasser mit heißem Wasser aus geothermalen Quellen vermischt. Ein Strand wurde aufgeschüttet und es gibt einen Hot Pot. Als wir dort ankommen beginnt es grad erneut zu nieseln. Die Lufttemperatur beträgt nasse 11°, der Atlantik hat 13°, innerhalb der Lagune ist es etwas wärmer. Trotzdem spielen Kinder in nassen Badesachen im Sand, einige Schwimmer drehen außerhalb der Lagune ihre Runden. Mich fröstelt es bei ihrem Anblick. Aber ich bin auch immer noch erkältet, weshalb wir die Badesachen gar nicht erst eingepackt haben.
Ein älterer Herr erklärt mir, nachdem er dem Atlantik entstiegen ist und während er nur mit einer Badehose bekleidet tropfend im kalten Wind steht, dass es gar nicht kalt wäre und er täglich im Atlantik schwimmen würde. Kein Problem! Wohlgemerkt: er hat nicht einmal eine Gänsehaut dabei.
Wir machen noch den obligatorischen Fotostop an der Schiffsskulptur Sólfar, ein von Jón Gunnar Árnason gestaltetes Sonnenschiff, in dem die meisten Besucher ein stilisiertes Wikingerschiff sehen. Leider ist das Fotografieren des Sonnenschiffes nur ohne Sonne möglich. Die glänzt heute durch Abwesenheit. Dann besteigen wir den Þúfa, einen künstlich angelegten Hügel im industriellen Teil des alten Hafens, den ein kleines Holzhäuschen krönt, das tatsächlich auch zum Trocknen von Fischen verwendet wird. Viele passen da allerdings nicht rein, aber das ist ja auch eher symbolisch gedacht. Weiter gehts Richtung Seltjarnes, einer kleinen Gemeinde, die im Westen an Reykjavik grenzt. Bei Ebbe ist es möglich den weißen Leuchtturm zu Fuß zu erreichen, allerdings erreichen wir den Punkt, während das Wasser noch um die Steine spült.
Ja, und das war er auch schon, der großstädtische Teil unserer Reise. Städte haben wir schon viele gesehen, so haben wir Reykjavik nur ein sehr begrenztes Zeitfenster gegeben. Morgen machen wir uns auf zum Golden Circle mit all den Naturwundern, den dieser Teil Islands zu bieten hat.
 Tschüss, bis zum nächsten Bericht.






Postkarte aus Island

Nun haben wir bereits über die Hälfte unserer Reise durch Island hinter uns und ich habe bisher nicht eine Zeile geschrieben. Jetzt aber sitze ich in einer Wohnung in Akureyri, lasse meinen Blick aus dem Fenster über den nebelverhangenen Eyjafjörður schweifen und beschließe, während neben mir das Internetradio Musik der Siebziger präsentiert, dass es Zeit ist all die Technik dieser Wohnung zu nutzen. Also los.
Doch welches Motiv soll ich euch zeigen? Welches gibt auch nur halbwegs wieder, was an diesem Island so faszinierend ist? All diese Fotos von unendlichen Wasserfällen, von Gletschern, die ihre Zungen über das steinige Erdreich den Hang hinunterstrecken, von Eisbergen, die in gespenstischem Blau über die eisig schimmernden Gletscherseen zu schweben scheinen, all die blubbernden Schlammtöpfe, die zischenden Geysire, die dampfenden Quellen, die Landschaften, die irgendwo zwischen Tolkiens Mordor und Schottlands grünen Hügeln angesiedelt sind? In denen ich in Versuchung komme an Elfen, Trolle und andere Fabelwesen zu glauben. Vielleicht aber auch die Rentiere, die wir in den Ostfjorden am Strand gesehen haben? Als wären sie im Sommerurlaub. Oder die majestätischen Buckelwale, die gestern um unser Schiff herum ab- und wieder auftauchten? Die robusten, kälteerprobten Islandponys, ohne die dieses Land nicht hätte werden können, was es heute ist? Die allgegenwärtigen Schafe? Ich weiß es einfach nicht. Es wäre immer nur ein winziger Ausschnitt von etwas ganz Großem. Etwas, das man nicht erklären kann. Das auch kein Bild der Welt wiedergeben kann. So kann ich euch nur ans Herz legen: Kommt selber her. Erst dann werdet ihr verstehen was ich hier versuche zu sagen. Vorerst müsst ihr mit den Momentaufnahmen zurechtkommen, die ich an diese Postkarte hänge. Ganz liebe Grüße aus dem verzauberten Island.