Die Wurster Nordseeküste, Bremerhaven und die Freiheit...

Wir schreiben den 23. Dezember im Jahre des Herrn 1517. Die siebzehnjährige Friesin Tjede Peckes steht inmitten anderer junger Frauen im kalten Westwind, der von der Nordsee in die Marschen herüberweht. Was mag sie denken, während sie darauf wartet, ihr Recht auf Freiheit zu verteidigen? Seite an Seite mit dem Mannsvolk erwartet man hier im Wurster Land die Ankunft des Söldnerheeres, das der Bremer Erzbischof Christoph gegen die sturen Wurster Friesen ins Feld schickt. Die nicht Teil des Feudalsystems werden wollen. Keinen Heerdienst außerhalb ihres eigenen Landes ableisten wollen. Ihrer eigenen Gesetzgebung folgen wollen. Der Wind mag an ihren Haaren gezerrt haben, an dem friesischen Banner, das sie trug. Vielleicht hat es geregnet, vielleicht hat die Sonne von einem blauen Himmel geschienen. Tjede hat den 24. Dezember nicht mehr erlebt. Sie fiel bei der Schlacht am Wremer Tief, mit ihr viele andere. Das Wurster Land wurde Bestandteil des Erzstifts Bremen.
Wir schreiben den 27. Januar des Jahres 2017. Die Sonne sinkt dem Horizont entgegen, ein eisiger Wind lässt uns frösteln und unsere klammen Finger noch tiefer in den Jackentaschen verschwinden. Die Wurster Nordseeküste liegt eingefroren wie verzaubert im Licht der untergehenden Sonne. Wir haben in Wremen ein kleines Apartment gemietet und wollen uns die nächsten zwei Tage Bremerhaven ansehen. Heute aber wandern wir am kleinen Wremer Hafen entlang, um nach all den grauen, trüben Tagen, die man in geheizten Räumen verbracht hat, mal wieder richtig durchgelüftet zu werden.
Hier am Hafen befindet sich eine Gedenktafel für die mutige Friesin, die ihr Leben für die Freiheit ließ, außerdem der Leuchtturm kleiner Preuße, der  sein Licht in das Watt hinausschickt. Zwei Kutter liegen vertäut an der Hafenkante. Es ist Ebbe, das Wasser hat sich weit zurückgezogen, nur in den Prilen steht es weiterhin. Man spürt den Hauch der Geschichte nicht. Nicht im Moment. Zu dieser Jahreszeit ein herrlich unaufgeregter Ort. Doch in diesem Jahr jährt sich das Datum der Schlacht zum fünfhundertsten Mal. Viele Veranstaltungen sind geplant. Vielleicht sollte man in den warmen Monaten noch einmal wiederkommen?
Ein heißer Ostfriesentee in einem Restaurant am Deich belebt unsere tiefgefrorenen Glieder. Beim Einschenken gilt es die Reihenfolge zu beachten. Erst der Kluntje in die Tasse, ein Stück braunen oder weißen Kandiszucker, darüber den Tee gießen, damit der Kluntje schön knistert und dann ein Tröpfchen Sahne (’n Wulkje Rohm) mit dem Sahnelöffel (Rohmlepel) hinzufügen. Übrigens sollte man als Gast mindestens drei Tassen trinken, vorher abzulehnen gilt als unhöflich. Ist man so durchgefroren wie wir, sollte das eigentlich kein Problem darstellen. Nach einem guten Essen schlafen wir tief und fest hier an der Wurster Nordseeküste, die im Moment so wunderbar friedlich auf uns wirkt.
Am nächsten Morgen geht es auf nach Bremerhaven. Das Wetter ist kalt, aber der Himmel blau und die Sonne scheint, hurra. Wir parken den Wagen in einer Tiefgarage direkt unter dem Klimahaus. Kostenpunkt sieben Euro für den ganzen Tag. Das Klimahaus ist eigentlich der Anlass unserer Kurzreise, ich hatte bereits von vielen Leuten gehört wie begeistert sie waren. Zeit sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Kassen öffnen schon kurz vor 10 Uhr, wir zahlen unsere 16 Euro Eintritt pro Person und los geht es.
Ich möchte hier nicht zuviel verraten. Ein jeder mag sich selbst auf die Reise begeben und seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen gewinnen. Nur soviel: wir begeben uns auf eine Reise entlang des 8. Längengrades durch unterschiedliche Klimazonen, lernen dabei die verschiedensten Menschen und eine Bandbreite von Lebensbedingungen kennen. Wir erfahren auch etwas über Ungerechtigkeiten, die Vielfalt der Kulturen, verschiedene Sichtweisen und Blickwinkel und verlieben uns dabei noch ein wenig mehr in unseren wundersamen blauen Planeten. Zumindestens mir geht es so. Wenn ich mit den Kindern aus Niger die richtige Aussprache ihres Wortes für Danke übe, die drückende Hitze der afrikanischen Wüste spüre, die Kälte der Antarktis mich frösteln lässt, wenn ich erfahre, warum man bei den Tuaregs nicht pupsen sollte, wenn die Frage nach dem Alter eines Kindes beantwortet wird mit der Aussage, jeder ist so alt wie die Aufgaben, die er erledigen kann, die Jahre werden nicht gezählt, dann freue ich mich an dieser Vielfalt und mein Herz geht auf.
Wir verlassen nach einigen Stunden das Klimahaus, um etliche großartige Erfahrungen reicher. Tatsächlich kann man locker einen ganzen Tag dort verbringen ohne dass es langweilig wird.
Genug der Aktivitäten in Räumlichkeiten! Zeit das sonnige Wetter draußen zu genießen. Wir essen eine Kleinigkeit und wandern dann durch die Havenwelten.
Bremerhaven hat sich mit der Umwandlung der brachliegenden Hafenflächen sozusagen neu erfunden und hat es außerdem geschafft sich in eine Art Touristenmagnet zu verwandeln. Dazu tragen das Klimahaus, diverse andere Museen, ein U-Boot aus dem 2. Weltkrieg, der Museumshafen, der Zoo am Meer und diverse Einkaufstempel einen großen Teil bei. Und natürlich die schöne Lage an der Weser. Heute darüber hinaus noch das gute Wetter.
Wir bummeln den Weserdeich entlang, vorbei am Hotel Atlantik, das doch sehr an das in Dubai stehende Burj-al-Arab erinnert, schauen der Weserfähre hinterher, besuchen die seute Deern, eine Dreimastbark, die ein ausgezeichnetes Restaurant beherbergt und genießen dabei die Strahlen der Sonne. Die zwar nicht wirklich wärmt, aber immerhin das Auge und die Seele erfreut. Bevor diese untergeht - also die Sonne, nicht die Seele -, fahren wir mit dem Fahrstuhl hinauf auf die Aussichtsplattform Sail City, die sich hoch oben auf dem Dach des Atlantik Hotels befindet. Drei Euro kostet der Besuch und man sollte sich diesen Blick auf jeden Fall gönnen.
Den Tag beschließen wir in einem Restaurant im Fischereihafen. Dort wurde eine ehemalige Fischpackhalle in eine Art Restaurantmeile umgewandelt, hier findet sich sicher für jeden Geschmack etwas. Wir sind froh, dass wir dort langsam auftauen können, um dann unseren Magen mit leckeren Krabben und Bratkartoffeln füllen zu können.
Der Morgen des nächsten Tages begrüßt uns mit freundlichem Nieselregen. Museumswetter. Wir beschließen das Auswanderermuseum zu besuchen, das sich ebenfalls in den Havenwelten befindet. Leider kommen gemeinsam mit uns zwei Reisebusse an und das regnerische Wetter trägt auch nicht wirklich dazu bei, uns ein leeres Museum zu bescheren. Naja, man kann eben nicht alles haben...
Trotz der Fülle geht auch dieses Museum sehr anschaulich und informativ mit dem Thema um. Man begleitet "seinen persönlichen Auswanderer" auf seiner Reise in die neue Welt, erfährt etwas über seine Beweggründe, seine Ankunft und darüber ob sich seine Träume erfüllt haben. Den Namen erhält man mit der Eintrittskarte.
Besonders bewegt hat mich die Inschrift einer Bronzetafel, die ehemals den Sockel der Freiheitsstatue zierte, auf der die Worte Emma Lazarus zu lesen sind:
"Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure gehäuften Massen voll Sehnsucht, frei zu atmen,
den elenden Auswurf eures überquellenden Lands,
Schickt sie, die Heimatlosen, sturmgepeitscht zu mir. Ich halte meine Fackel hoch am goldenen Tor."

Wie wenig sich wohl die Wünsche, Träume und Hoffnungen derjenigen, die damals eine neue Heimat suchten, von jenen unterscheidet, die sich heute auf der Flucht befinden? Und wie unendlich traurig, dass dieses Land, das für viele ehemals ein Synonym für Freiheit, der Ort ihrer Träume war, sich heute denjenigen verschließt, die sie früher mit offenen Armen aufgenommen hätten. Die Freiheitsstatue muss sich missbraucht fühlen...
Das Auswanderermuseum hat auch eine "Einwanderungsabteilung", hier erfährt man in der nachgestellten Umgebung der siebziger Jahre viel über Menschen, die in den letzten dreihundert Jahren nach Deutschland immegriert sind, seien es französische Hugenotten, Gastarbeiter oder syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Dieses Museum verlasse ich nachdenklich und ein wenig dankbar dafür an einer Ecke der Welt zu leben, in der Frieden, Freiheit und Sicherheit so selbstverständlich geworden sind, dass viele diesen Zustand überhaupt nicht mehr zu schätzen wissen.
Den restlichen regnerischen Tag nutzen wir noch für einen kurzen Besuch des Städtchens Bad Bederkesa. Wir haben gelesen, dass es dort eine Burg geben soll. Die Burg gibt es, ihr Inneres beherbergt aber das archäologische Museum des Landkreises Cuxhaven, was uns inhaltlich grad nicht so wirklich reizt. 
So beenden wir den Tag in unserem Ferienapartment im Wurster Land, während die Regentropfen die Fensterscheiben herunterlaufen. Dieses gar nicht so weit entfernte Bremerhaven ermöglichte uns einen Blick auf fremde Kulturen, fremde Klimazonen, Auswandererschicksale und der Suche nach der Freiheit. Ich glaube unserer friesischen Freiheitskämferin Tjede Peckes, die so früh ihr Leben ließ für genau diese Freiheit, der hätte all das auch gefallen.



Timmendorf im November

Letztes Jahr im November war ich tatsächlich das erste Mal alleine im Urlaub. Naja, Urlaub ist vielleicht ein wenig übertrieben. Ich hab mit mir allein ein Wochenende verbracht. Ein verlängertes sogar! Und ich bin auch ganz gut mit mir zurechtgekommen. Manchmal tut es gut, sich auf sich selber zu besinnen. Da kann man dann auch gleich ausprobieren, ob man mit sich selbst noch so klar kommt, ob man sich noch mag...
Ich wollte gerne ans Wasser, egal ob es nun November ist oder nicht, das Meer geht zu jeder Jahreszeit. So habe ich ein wenig im Netz rumgesucht, bis ich das Passende gefunden hatte. Eine Ferienwohnung in Timmendorf. Im Maritim. Im 22. Stock. Mit Blick über die Ostsee. Was will man mehr?
Die Wohnung ist klein. Ein Zimmer, darin ein Schrankbett, Sofa, Esstisch, kleine Küche und natürlich ein Bad. Und ein Balkon. Mit gigantischem Ausblick. Ich fühle mich ein wenig wie Gott, der über seine Schöpfung blickt. Der Himmel blau, nur der Horizont schmückt sich mit weißen Wolken, unter mir breitet sich miniaturmäßig Timmendorf aus. Hier werde ich sicher öfter stehen.
Das Maritim ist in den Siebzigern gebaut und versprüht auch eben solchen Charme. Im Eingangsbereich zum Apartmenthaus begrüßen einen goldfarbene Briefkästen, schwarze Ledersofas und mahagonifarbene Hochglanzwände. Man parkt sein Auto in einer Parkgarage, dessen Parkplätze kreiert wurden, als der VW-Käfer ein großer Wagen war. Es gibt einen livrierten Herren an der Rezeption, der die Glastüren beim Erscheinen bekannter Gäste per Knopfdruck auffahren lässt. Alles sehr gediegen.
Was ich in Timmendorf gemacht habe? Vor allen Dingen bin ich spazieren gegangen.
Am Strand, im Sand, zwischen den aufgeregten Möwen. Mit Handschuhen und Schal, Kapuze auf dem Kopf, gut verpackt gegen den kalten Ostseewind.
Zwischen beleuchteten Bäumen, die Promenade hinauf- und hinunter, mal Richtung Norden, mal Richtung Süden.
Udo habe ich auch getroffen! Durchscheinend, den Blick auf den Horizont gewährend. So steht er einsam am Strand.
Wenn ich nicht spazieren war, habe ich gelesen. Oder aus dem Fenster geschaut, den Blick in die Ferne genossen, der dank Wolken und Licht immer wieder anders war. Oder einfach gar nichts gemacht. Den Gedanken ihren Lauf gelassen. Die Hände in den Schoß gelegt. Ein Kurzurlaub alleine mit sich selber. Ein wunderbarer Weg zur Ruhe zu kommen. Habt ihr das auch schon einmal gemacht?


Die Biene

Strahlend scheint die Sonne heute. Sommerfrisch. Der Himmel ist blau. Die Luft scheint zu streicheln. Ins Wasser zu tauchen ist eine Freude. Sich zu dehnen, die Glieder zu strecken, zu spüren wie das kühle Wasser den Körper umspielt.
Eine Bahn hin, eine zurück. Die Menschen haben entspannte Gesichter, viele lächeln unbewusst. Eine Bahn hin, eine zurück. Die Wasseroberfläche glitzert, Pollen schaukeln auf den Wellen. Eine Bahn hin, eine zurück. Eine Biene. Sichtlich erschöpft strampelt sie an der Wasseroberfläche. Ich schwimme vorbei. Eine Bahn hin... dann erreicht mich plötzlich das Gefühl, dass hinter mir eine Kreatur um ihr Leben kämpft. Während wir achtlos vorbeischwimmen. Die Sonne genießen. Blind für das Elend anderer. Wie ständig in diesen Tagen. Überall auf der Welt... eine Bahn zurück. Da treibt sie noch. Pelzig auf der Oberfläche. Mit kaum erkennbaren matten Bewegungen. Ich habe Angst vor ihrem Stich. Puste sie deshalb langsam vor mir her. Nicht zu stark, damit sie nicht wie in einem Sturm ertrinkt. Nicht zu schwach, damit wir den Beckenrand heute noch erreichen. Sicher bieten wir ein seltsames Bild für die Außenwelt. Verwundert müssen andere Schwimmer ausweichen.
Die Biene sitzt auf dem Ablaufrost am Beckenrand. Wird von dem unruhigen Wasser immer wieder mal überspült. Ich nutze ein welkes Blatt, um ihr auf sicheres Terrain zu helfen. Nun sitzt sie in der Sonne und trocknet ihren nassen Pelz. Eine Bahn hin, eine zurück, eine Bahn hin, eine zurück. Sie ist verschwunden. Wir müssen besser aufeinander achten.

Die Pyrenäen, ein Ausflug nach Andorra und zum Abschluss Mirepoix

Heute verabschieden wir uns vom Spätsommerfeeling am Mittelmeer. Wir wollen hoch hinaus, in die Pyrenäen nämlich. Als ich mir Zuhause Gedanken über diesen Abschnitt unserer Reise machte, hatte ich so Dinge im Kopf wie Winterreifen und Dauerregen im November. Schließlich sollte dieser trübe Monat während unseres Aufenthaltes dort beginnen. Doch da war ich wohl völlig verkehrt unterwegs! Nach anfänglichem Frühnebel begrüßt uns auch dieses Grenzgebirge unter blauem Himmel und sonnenbeschienen.
Wir haben Zeit und der direkte Weg würde uns in wenig mehr als einer Stunde an unseren Zielort in der Nähe von Villefranche-de-Conflent bringen. Also beschließen wir über Amélie-les-Bains zu fahren. Der Name klingt irgendwie verheißungsvoll, dort soll es heiße Quellen geben. Tatsächlich ist dieses Städtchen dann nicht mal halb so schön, wie wir es uns vorgestellt haben, so dass wir einfach weiter fahren. Thias hat eine kurvige Querverbindung - die D 616 - ausgesucht, der wir nun folgen. Kurz halten wir in Palalda, das einen mittelalterlichen Turm vorweisen kann und begeben uns dann in die Kurvenfahrt.
Die Strecke ist wenig frequentiert, nach kurzer Zeit wissen wir auch warum. Linkskurve folgt auf Rechtskurve und so weiter, wir werden eine Weile brauchen für diese Querverbindung. Doch sie führt auch durch wunderschöne Bergdörfer, die ihre steinernen Mauern mit rotglühendem herbstlichen Laub schmücken, an verfallenen Häusern vorbei, deren Türen direkt in die Landschaft führen und durch Wälder mit uralten Korkeichen. Eine irgendwie verwunschen wirkende Gegend.
Villefranche-de-Conflent erreichen wir am frühen Nachmittag. Fast ein wenig schwindelig nach all diesen Kurven. Bevor wir unser Ferienhaus beziehen, wollen wir noch ein wenig durch diese Festungsstadt bummeln. Die wurde übrigens an diesem strategisch wichtigen Platz erbaut von Vauban, dem Festungsbaumeister Ludwigs XIIII. Also natürlich nicht von ihm selber, aber er hat dieses Bollwerk geplant. Die umgebenden Berghänge lassen nur wenig Raum, die hinter starken Mauern liegende Stadt hat keine Möglichkeit mehr sich in irgendeiner Weise weiter auszubreiten. Hoch über Villefranche klebt als zusätzlicher Schutz das Fort Libéria am Berghang.
Zuerst aber brauchen wir einen Parkplatz. Der auf diesem engen Raum natürlich eher Mangelware ist. Doch wir haben Glück, direkt vor uns gibt ein junger Mann zu verstehen, dass er seinen Parkplatz unmittelbar vor dem Stadttor gerade räumen will. Glück gehabt!
Zwei Straßen führen parallel durch den Ort, gesäumt von mittelalterlichen Häusern, die hauptsächlich touristische Geschäfte beherbergen. Schön anzusehen ist der Ort aber auf jeden Fall.
Wir haben Hunger und suchen ein Restaurant, wo wir eine Kleinigkeit essen können. In der Sonne,  versteht sich, denn im Schatten ist es durchaus schon ein wenig kühl. Allzuviele kommen da nicht in Frage, doch wir finden direkt am Stadttor ein Restaurant, das noch einen kleinen Tisch im Sonnenschein frei hat. Bis wir unser Essen haben, sitzen wir allerdings schon wieder im Schatten. Das Personal scheint ein bißchen konfus und hat wohl angesichts des großen Andrangs den Überblick komplett verloren.
Von hier bis zu unserem Ferienhaus brauchen wir noch einmal zehn Minuten mit dem Auto. Ein wunderschönes Chalet aus Holz, umgeben von einer imposanten Bergwelt. Und von anderen Häusern. Trotzdem gefällt es uns wirklich gut und wir haben viel mehr Zimmer, als wir eigentlich bräuchten. Wir plauschen eine Weile mit unserem Vermieter, diesmal zur Freude aller ein englisch sprechender junger Mann, der einen wirklich interessanten Lebenslauf vorzuweisen hat. Am Abend zünden wir den Ofen an, der erstaunlicher Weise innerhalb kurzer Zeut das gesamte Haus erwärmt. Draußen ist es empfindlich kühl geworden und während wir unser Abendessen vorbereiten, sind wir froh, dass wir es kuschelig warm haben.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit dem ersten Frost dieses Jahres. Wir sind früh dran, denn wir haben uns für heute mehrere Dinge vorgenommen.
Als erstes geht es hoch zum Fort. Hört sich leicht an. Ist aber ein schweißtreibender Fußmarsch über einen steinigen Ziegenpfad bis man die großartige Aussicht von oben genießen kann.
Als wäre man jetzt nicht schon genug gekraxelt führt der Besichtigungspfad durch das Fort auch nur treppauf und treppab. Und zwar immer schön abwechselnd. Mein Knie ist not amused, meine Begleitung auch nicht, weil ich die ganze Zeit vor mich hinschimpfe. Zum krönenden Abschluss führt der alternative Abstieg über nur wenig mehr als 1000 Stufen wieder hinunter ins mittelalterliche Villefranche-de-Conflent.
Gut dass wir für den Rest des Tages nur noch sitzen müssen. Wo? Im Train jaune, einem kleinen gelben Zug, der hier auf der höchstgelegenen Strecke Frankreichs fährt. Schon mehr als hundert Jahre existiert diese Bahnstrecke, mehr als 30 Stundenkilometer ist hier selten zu schaffen.
Wir warten mit vielen anderen Reisenden auf dem Bahnsteig in Villefranche-de-Conflent auf die Einfahrt des gelben Zuges. Heute ist Halloween, neben uns steht ein zurechtgemachtes älteres Paar aus den Staaten mit spinnenwebenbesetzten Hüten. Das Prozedere mit der Ticketkontrolle gerät etwas aus den Fugen, offenbar waren so viele Reisende nicht vorgesehen, so dass ein anderer Zug auf die richtigen Schienen rangiert werden muss. Niemand hat daran gedacht die Absperrungen zu schließen, so dass die Reisenden überall auf dem Bahnsteig verteilt stehen. Wie ein Dompteur versucht nun ein Bahnangestellter alle wieder hinter die Absperrung zu scheuchen. Was ihm nicht wirklich gelingt.
Irgendwann sind dann alle in den Waggons verteilt und es geht tatsächlich los. Langsam zuckelt die gelbe Bahn bergauf und bietet dabei spektakuläre Ausblicke in die Bergwelt. Im Sommer kann man das ganze auch aus offenen Waggons genießen, wir müssen heute die Fenster herunterschieben, um den selben Effekt zu haben. Frischer Fahrtwind bläst uns ins Gesicht,  während die beeindruckende Landschaft an uns vorbeifliegt. Naja, es ist dann mehr ein Zeitlupenflug.
Es geht über Brücken und an schwindelerregenden Abhängen vorbei, während die Hälfte der Reisenden aus dem Fenster hängt, um das ultimative Foto zu schießen. Wir natürlich auch.
Bis ins katalanische Spanien führt diese Bahnstrecke, doch so weit wohlen wir nicht, wir wären erst im Dunkeln zurück. So verlassen wir die Bahn im Wintersportort Font Romeu, nachdem wir die höchste Stelle überquert haben, um dann den nächsten gelben Zug zurück zu unseren Ausgangsort zu nehmen. Ein Ausflug, der sich wirklich gelohnt hat. Es dämmert, als wir in Villefranche-de-Conflent aussteigen. Den Abend verbringen wir erneut in unserem kuscheligen Ferienhaus vor dem Feuer im Kaminofen.
Der nächste Tag ist ein Dienstag, der erste November, Allerheiligen, ganz Frankreich hat frei. Wir packen unser Auto nach dem Frühstück und machen uns erneut auf den Weg. Morgen schon geht unser Flug zurück in den kalten Norden, unser letzter Übernachtungsort ist das mittelalterliche Städtchen Mirepoix. Doch bevor wir dort ankommen geht es erstmal noch eine ganze Weile durch die beeindruckende Bergwelt der Pyrenäen.
Da wir rechtzeitig aufgebrochen sind, entscheiden wir uns spontan einen kurzen Abstecher in das benachbarte Andorra zu machen. Hauptsächlich weil der Pas de la Casa so sehenswert sein soll. Was wir nicht bedacht haben: es ist Allerheiligen, ganz Frankreich hat frei. Was wir nicht wussten: Andorra ist ein zollreies Einkaufsparadies. So finden wir uns unvermittelt in dem Bergort gleichen Namens und trauen unseren Augen nicht. Quietschbunte Gebäude - hauptsächlich Parkhäuser und Kaufhäuser machen diesen Ort aus. Karge Berghänge rundherum, kein Baum, kein Strauch, aber Tausende von Franzosen sind hier gerade auf Parkplatzsuche, der Wahnsinn tobt um uns herum.
Je höher wir kommen, desto mehr Tankstellen, die günstig ihren Sprit anbieten. Wir tanken. Und beschließen dann umzukehren. Stehen noch eine Weile an der Grenze, wo Zollbeamte - oder sind es Grenzbeamte? - stichprobenhaft einzelne Fahrzeuge kontrollieren. Und sind froh, als wir dem Einkaufswahnsinn entkommen und wieder auf den beschaulichen französischen Bergstraßen unterwegs sind.
Unseren letzten Übernachtungsort erreichen wir am Nachmittag. Mirepoix. In meinem Reiseführer stand, dass der Marktplatz dieses Städtchens einer der schönsten in ganz Südfrankreich wäre. Ja, und was soll ich sagen... Wie er da so vor uns in der Sonne liegt, ist er das auf jeden Fall! Reich verzierte Fachwerkhäuser säumen den Platz, die oberen Stockwerke ruhen auf mächtigen hölzernen Pfeilern und ermöglichen es den Platz in ihrem Schatten zu umrunden. Ein Traum!
Ein würdiger Ort für den Abschluss unseres Urlaubs. Genauso wie unser Hotel, das in einem der Fachwerkhäuser beheimatet ist. Wir sitzen in der Sonne und trinken einen Kaffee, bummeln durch die sehr individuellen Geschäfte und essen zu französischer Zeit, 19 Uhr, in dem einzigen offenen Restaurant zu Abend. Ein wirklich bezaubernder Ort!
Nun denn, Südfrankreich, das war´s dann erstmal. Morgen geht es zurück von Toulouse nach Hamburg.