Timmendorf im November

Letztes Jahr im November war ich tatsächlich das erste Mal alleine im Urlaub. Naja, Urlaub ist vielleicht ein wenig übertrieben. Ich hab mit mir allein ein Wochenende verbracht. Ein verlängertes sogar! Und ich bin auch ganz gut mit mir zurechtgekommen. Manchmal tut es gut, sich auf sich selber zu besinnen. Da kann man dann auch gleich ausprobieren, ob man mit sich selbst noch so klar kommt, ob man sich noch mag...
Ich wollte gerne ans Wasser, egal ob es nun November ist oder nicht, das Meer geht zu jeder Jahreszeit. So habe ich ein wenig im Netz rumgesucht, bis ich das Passende gefunden hatte. Eine Ferienwohnung in Timmendorf. Im Maritim. Im 22. Stock. Mit Blick über die Ostsee. Was will man mehr?
Die Wohnung ist klein. Ein Zimmer, darin ein Schrankbett, Sofa, Esstisch, kleine Küche und natürlich ein Bad. Und ein Balkon. Mit gigantischem Ausblick. Ich fühle mich ein wenig wie Gott, der über seine Schöpfung blickt. Der Himmel blau, nur der Horizont schmückt sich mit weißen Wolken, unter mir breitet sich miniaturmäßig Timmendorf aus. Hier werde ich sicher öfter stehen.
Das Maritim ist in den Siebzigern gebaut und versprüht auch eben solchen Charme. Im Eingangsbereich zum Apartmenthaus begrüßen einen goldfarbene Briefkästen, schwarze Ledersofas und mahagonifarbene Hochglanzwände. Man parkt sein Auto in einer Parkgarage, dessen Parkplätze kreiert wurden, als der VW-Käfer ein großer Wagen war. Es gibt einen livrierten Herren an der Rezeption, der die Glastüren beim Erscheinen bekannter Gäste per Knopfdruck auffahren lässt. Alles sehr gediegen.
Was ich in Timmendorf gemacht habe? Vor allen Dingen bin ich spazieren gegangen.
Am Strand, im Sand, zwischen den aufgeregten Möwen. Mit Handschuhen und Schal, Kapuze auf dem Kopf, gut verpackt gegen den kalten Ostseewind.
Zwischen beleuchteten Bäumen, die Promenade hinauf- und hinunter, mal Richtung Norden, mal Richtung Süden.
Udo habe ich auch getroffen! Durchscheinend, den Blick auf den Horizont gewährend. So steht er einsam am Strand.
Wenn ich nicht spazieren war, habe ich gelesen. Oder aus dem Fenster geschaut, den Blick in die Ferne genossen, der dank Wolken und Licht immer wieder anders war. Oder einfach gar nichts gemacht. Den Gedanken ihren Lauf gelassen. Die Hände in den Schoß gelegt. Ein Kurzurlaub alleine mit sich selber. Ein wunderbarer Weg zur Ruhe zu kommen. Habt ihr das auch schon einmal gemacht?


Die Biene

Strahlend scheint die Sonne heute. Sommerfrisch. Der Himmel ist blau. Die Luft scheint zu streicheln. Ins Wasser zu tauchen ist eine Freude. Sich zu dehnen, die Glieder zu strecken, zu spüren wie das kühle Wasser den Körper umspielt.
Eine Bahn hin, eine zurück. Die Menschen haben entspannte Gesichter, viele lächeln unbewusst. Eine Bahn hin, eine zurück. Die Wasseroberfläche glitzert, Pollen schaukeln auf den Wellen. Eine Bahn hin, eine zurück. Eine Biene. Sichtlich erschöpft strampelt sie an der Wasseroberfläche. Ich schwimme vorbei. Eine Bahn hin... dann erreicht mich plötzlich das Gefühl, dass hinter mir eine Kreatur um ihr Leben kämpft. Während wir achtlos vorbeischwimmen. Die Sonne genießen. Blind für das Elend anderer. Wie ständig in diesen Tagen. Überall auf der Welt... eine Bahn zurück. Da treibt sie noch. Pelzig auf der Oberfläche. Mit kaum erkennbaren matten Bewegungen. Ich habe Angst vor ihrem Stich. Puste sie deshalb langsam vor mir her. Nicht zu stark, damit sie nicht wie in einem Sturm ertrinkt. Nicht zu schwach, damit wir den Beckenrand heute noch erreichen. Sicher bieten wir ein seltsames Bild für die Außenwelt. Verwundert müssen andere Schwimmer ausweichen.
Die Biene sitzt auf dem Ablaufrost am Beckenrand. Wird von dem unruhigen Wasser immer wieder mal überspült. Ich nutze ein welkes Blatt, um ihr auf sicheres Terrain zu helfen. Nun sitzt sie in der Sonne und trocknet ihren nassen Pelz. Eine Bahn hin, eine zurück, eine Bahn hin, eine zurück. Sie ist verschwunden. Wir müssen besser aufeinander achten.

Die Pyrenäen, ein Ausflug nach Andorra und zum Abschluss Mirepoix

Heute verabschieden wir uns vom Spätsommerfeeling am Mittelmeer. Wir wollen hoch hinaus, in die Pyrenäen nämlich. Als ich mir Zuhause Gedanken über diesen Abschnitt unserer Reise machte, hatte ich so Dinge im Kopf wie Winterreifen und Dauerregen im November. Schließlich sollte dieser trübe Monat während unseres Aufenthaltes dort beginnen. Doch da war ich wohl völlig verkehrt unterwegs! Nach anfänglichem Frühnebel begrüßt uns auch dieses Grenzgebirge unter blauem Himmel und sonnenbeschienen.
Wir haben Zeit und der direkte Weg würde uns in wenig mehr als einer Stunde an unseren Zielort in der Nähe von Villefranche-de-Conflent bringen. Also beschließen wir über Amélie-les-Bains zu fahren. Der Name klingt irgendwie verheißungsvoll, dort soll es heiße Quellen geben. Tatsächlich ist dieses Städtchen dann nicht mal halb so schön, wie wir es uns vorgestellt haben, so dass wir einfach weiter fahren. Thias hat eine kurvige Querverbindung - die D 616 - ausgesucht, der wir nun folgen. Kurz halten wir in Palalda, das einen mittelalterlichen Turm vorweisen kann und begeben uns dann in die Kurvenfahrt.
Die Strecke ist wenig frequentiert, nach kurzer Zeit wissen wir auch warum. Linkskurve folgt auf Rechtskurve und so weiter, wir werden eine Weile brauchen für diese Querverbindung. Doch sie führt auch durch wunderschöne Bergdörfer, die ihre steinernen Mauern mit rotglühendem herbstlichen Laub schmücken, an verfallenen Häusern vorbei, deren Türen direkt in die Landschaft führen und durch Wälder mit uralten Korkeichen. Eine irgendwie verwunschen wirkende Gegend.
Villefranche-de-Conflent erreichen wir am frühen Nachmittag. Fast ein wenig schwindelig nach all diesen Kurven. Bevor wir unser Ferienhaus beziehen, wollen wir noch ein wenig durch diese Festungsstadt bummeln. Die wurde übrigens an diesem strategisch wichtigen Platz erbaut von Vauban, dem Festungsbaumeister Ludwigs XIIII. Also natürlich nicht von ihm selber, aber er hat dieses Bollwerk geplant. Die umgebenden Berghänge lassen nur wenig Raum, die hinter starken Mauern liegende Stadt hat keine Möglichkeit mehr sich in irgendeiner Weise weiter auszubreiten. Hoch über Villefranche klebt als zusätzlicher Schutz das Fort Libéria am Berghang.
Zuerst aber brauchen wir einen Parkplatz. Der auf diesem engen Raum natürlich eher Mangelware ist. Doch wir haben Glück, direkt vor uns gibt ein junger Mann zu verstehen, dass er seinen Parkplatz unmittelbar vor dem Stadttor gerade räumen will. Glück gehabt!
Zwei Straßen führen parallel durch den Ort, gesäumt von mittelalterlichen Häusern, die hauptsächlich touristische Geschäfte beherbergen. Schön anzusehen ist der Ort aber auf jeden Fall.
Wir haben Hunger und suchen ein Restaurant, wo wir eine Kleinigkeit essen können. In der Sonne,  versteht sich, denn im Schatten ist es durchaus schon ein wenig kühl. Allzuviele kommen da nicht in Frage, doch wir finden direkt am Stadttor ein Restaurant, das noch einen kleinen Tisch im Sonnenschein frei hat. Bis wir unser Essen haben, sitzen wir allerdings schon wieder im Schatten. Das Personal scheint ein bißchen konfus und hat wohl angesichts des großen Andrangs den Überblick komplett verloren.
Von hier bis zu unserem Ferienhaus brauchen wir noch einmal zehn Minuten mit dem Auto. Ein wunderschönes Chalet aus Holz, umgeben von einer imposanten Bergwelt. Und von anderen Häusern. Trotzdem gefällt es uns wirklich gut und wir haben viel mehr Zimmer, als wir eigentlich bräuchten. Wir plauschen eine Weile mit unserem Vermieter, diesmal zur Freude aller ein englisch sprechender junger Mann, der einen wirklich interessanten Lebenslauf vorzuweisen hat. Am Abend zünden wir den Ofen an, der erstaunlicher Weise innerhalb kurzer Zeut das gesamte Haus erwärmt. Draußen ist es empfindlich kühl geworden und während wir unser Abendessen vorbereiten, sind wir froh, dass wir es kuschelig warm haben.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit dem ersten Frost dieses Jahres. Wir sind früh dran, denn wir haben uns für heute mehrere Dinge vorgenommen.
Als erstes geht es hoch zum Fort. Hört sich leicht an. Ist aber ein schweißtreibender Fußmarsch über einen steinigen Ziegenpfad bis man die großartige Aussicht von oben genießen kann.
Als wäre man jetzt nicht schon genug gekraxelt führt der Besichtigungspfad durch das Fort auch nur treppauf und treppab. Und zwar immer schön abwechselnd. Mein Knie ist not amused, meine Begleitung auch nicht, weil ich die ganze Zeit vor mich hinschimpfe. Zum krönenden Abschluss führt der alternative Abstieg über nur wenig mehr als 1000 Stufen wieder hinunter ins mittelalterliche Villefranche-de-Conflent.
Gut dass wir für den Rest des Tages nur noch sitzen müssen. Wo? Im Train jaune, einem kleinen gelben Zug, der hier auf der höchstgelegenen Strecke Frankreichs fährt. Schon mehr als hundert Jahre existiert diese Bahnstrecke, mehr als 30 Stundenkilometer ist hier selten zu schaffen.
Wir warten mit vielen anderen Reisenden auf dem Bahnsteig in Villefranche-de-Conflent auf die Einfahrt des gelben Zuges. Heute ist Halloween, neben uns steht ein zurechtgemachtes älteres Paar aus den Staaten mit spinnenwebenbesetzten Hüten. Das Prozedere mit der Ticketkontrolle gerät etwas aus den Fugen, offenbar waren so viele Reisende nicht vorgesehen, so dass ein anderer Zug auf die richtigen Schienen rangiert werden muss. Niemand hat daran gedacht die Absperrungen zu schließen, so dass die Reisenden überall auf dem Bahnsteig verteilt stehen. Wie ein Dompteur versucht nun ein Bahnangestellter alle wieder hinter die Absperrung zu scheuchen. Was ihm nicht wirklich gelingt.
Irgendwann sind dann alle in den Waggons verteilt und es geht tatsächlich los. Langsam zuckelt die gelbe Bahn bergauf und bietet dabei spektakuläre Ausblicke in die Bergwelt. Im Sommer kann man das ganze auch aus offenen Waggons genießen, wir müssen heute die Fenster herunterschieben, um den selben Effekt zu haben. Frischer Fahrtwind bläst uns ins Gesicht,  während die beeindruckende Landschaft an uns vorbeifliegt. Naja, es ist dann mehr ein Zeitlupenflug.
Es geht über Brücken und an schwindelerregenden Abhängen vorbei, während die Hälfte der Reisenden aus dem Fenster hängt, um das ultimative Foto zu schießen. Wir natürlich auch.
Bis ins katalanische Spanien führt diese Bahnstrecke, doch so weit wohlen wir nicht, wir wären erst im Dunkeln zurück. So verlassen wir die Bahn im Wintersportort Font Romeu, nachdem wir die höchste Stelle überquert haben, um dann den nächsten gelben Zug zurück zu unseren Ausgangsort zu nehmen. Ein Ausflug, der sich wirklich gelohnt hat. Es dämmert, als wir in Villefranche-de-Conflent aussteigen. Den Abend verbringen wir erneut in unserem kuscheligen Ferienhaus vor dem Feuer im Kaminofen.
Der nächste Tag ist ein Dienstag, der erste November, Allerheiligen, ganz Frankreich hat frei. Wir packen unser Auto nach dem Frühstück und machen uns erneut auf den Weg. Morgen schon geht unser Flug zurück in den kalten Norden, unser letzter Übernachtungsort ist das mittelalterliche Städtchen Mirepoix. Doch bevor wir dort ankommen geht es erstmal noch eine ganze Weile durch die beeindruckende Bergwelt der Pyrenäen.
Da wir rechtzeitig aufgebrochen sind, entscheiden wir uns spontan einen kurzen Abstecher in das benachbarte Andorra zu machen. Hauptsächlich weil der Pas de la Casa so sehenswert sein soll. Was wir nicht bedacht haben: es ist Allerheiligen, ganz Frankreich hat frei. Was wir nicht wussten: Andorra ist ein zollreies Einkaufsparadies. So finden wir uns unvermittelt in dem Bergort gleichen Namens und trauen unseren Augen nicht. Quietschbunte Gebäude - hauptsächlich Parkhäuser und Kaufhäuser machen diesen Ort aus. Karge Berghänge rundherum, kein Baum, kein Strauch, aber Tausende von Franzosen sind hier gerade auf Parkplatzsuche, der Wahnsinn tobt um uns herum.
Je höher wir kommen, desto mehr Tankstellen, die günstig ihren Sprit anbieten. Wir tanken. Und beschließen dann umzukehren. Stehen noch eine Weile an der Grenze, wo Zollbeamte - oder sind es Grenzbeamte? - stichprobenhaft einzelne Fahrzeuge kontrollieren. Und sind froh, als wir dem Einkaufswahnsinn entkommen und wieder auf den beschaulichen französischen Bergstraßen unterwegs sind.
Unseren letzten Übernachtungsort erreichen wir am Nachmittag. Mirepoix. In meinem Reiseführer stand, dass der Marktplatz dieses Städtchens einer der schönsten in ganz Südfrankreich wäre. Ja, und was soll ich sagen... Wie er da so vor uns in der Sonne liegt, ist er das auf jeden Fall! Reich verzierte Fachwerkhäuser säumen den Platz, die oberen Stockwerke ruhen auf mächtigen hölzernen Pfeilern und ermöglichen es den Platz in ihrem Schatten zu umrunden. Ein Traum!
Ein würdiger Ort für den Abschluss unseres Urlaubs. Genauso wie unser Hotel, das in einem der Fachwerkhäuser beheimatet ist. Wir sitzen in der Sonne und trinken einen Kaffee, bummeln durch die sehr individuellen Geschäfte und essen zu französischer Zeit, 19 Uhr, in dem einzigen offenen Restaurant zu Abend. Ein wirklich bezaubernder Ort!
Nun denn, Südfrankreich, das war´s dann erstmal. Morgen geht es zurück von Toulouse nach Hamburg.





Herbstliches Mittelmeer - Collioure, Strand und Katharerburgen

Von Carcassonne aus geht es am nächsten Morgen weiter Richtung Mittelmeer. Freundlicherweise weist der bisher recht grau gefärbte Himmel die ersten Lücken auf, durch die das Blau zu erkennen ist, auf das wir schon länger hoffen. Hurra!
Da es bis zu unserer nächsten Unterkunft - einem Mobilwohnheim auf einem Campingplatz in Alènya - nicht gar so weit ist, machen wir einen Abstecher ins Réserve Africaine, das direkt an unserer Strecke liegt. Ein Safaripark, in dem sich Löwen, Elefanten und Nashörner tummeln sollen und der laut unserem Reiseführer durchaus einen Besuch wert sein soll. An der Strecke stehen überall  riesengroße Hinweisschilder, so dass man diesen Park gar nicht verpassen kann. Mit 32 € Eintritt pro Person auch nicht gerade ein Schnäppchen, wie wir finden. Umso gespannter sind wir was der Park zu bieten hat.
Doch tatsächlich empfinden wir diesen eher als enttäuschend. Sicher sind wir verwöhnt, da wir bereits einige Male im südlichen Afrika unterwegs waren. Doch auch im Vergleich mit dem in der Nähe von Hamburg liegenden Serengetipark schneidet das Réserve Africaine eher schlecht ab. Außer einem einzelnen afrikanischem Elefanten ist kein Vertreter dieser Spezies in dem kargen Gehege oder sonst irgendwo zu entdecken, die Anlage wirkt in Teilen trostlos und in die Jahre gekommen. Vielleicht haben wir aber auch nur zu viel anderes, noch dazu in freier Wildbahn gesehen.
Für einen kurzweiligen Nachmittag aber reicht es allemal, wenn man das Auto verlassen hat, die Wege sind nett angelegt und führen so durch den Park, dass auch die Aussicht auf den Etang de Sigean nicht zu kurz kommt.
Der Campingplatz, auf dem sich unsere Unterkunft für die nächsten Tage befindet, liegt bei unserer Ankunft einsam in der Nachmittagssonne. Lediglich ein pflichtbewusster Hund begrüßt uns mit lautem Gebell und verteidigt zähnefletschend die geschlossene Rezeption. Glücklicherweise ist er laut genug, so dass nach einer Weile auch der Campingplatzbesitzer auftaucht, um nach dem rechten zu sehen.
Unser Mobilwohnheim ist einfach, aber mit allem ausgestattet, was man so braucht. Nur unsere mitgebrachten Bettbezüge passen nicht so recht über das französische Bettzeug. Schließlich schläft man in Frankreich gemeinsam unter einer Decke, ungeachtet der Tatsache, dass dabei in der Regel einer das Nachsehen hat. Nach einigem hin- und hergetausche hat aber jeder das Bettzeug, das er benötigt.
Es bleibt noch ein wenig Zeit, um den Strand von St-Cyprien-Plage aufzusuchen. Der Ort ist nicht unbedingt schön zu nennen, besteht hauptsächlich aus zu dieser Jahreszeit verrammelten Ferienhäusern, die sich in Form und Farbe gleich an der Hauptdurchgangsstraße aneinanderreihen. Aber der Himmel ist blau, das Wasser zwar kühl, aber noch auszuhalten, die Sonne steht tief über dem Horizont und wir freuen uns über das Gefühl im Spätsommer angekommen zu sein.
Den nächsten Tag nutzen wir, um die Küste Richtung Süden hinunter zu fahren. Die Sonne scheint zuverlässig vom blauen Himmel, während wir der Küstenstraße folgen. Erster Halt, der Ort Collioure, ein wunderschönes Städtchen mit Festungsanlage, dessen einziges Manko die spärlichen Parkplätze sind. Trotzdem gelingt es uns nach eifriger Suche einen solchen zu finden.
Collioure ist ein kleiner französischer Fischerort, dem es gelungen ist seinen ursprünglichen Charme zu bewahren. Henri Matisse soll hier seine Bilder gemalt haben, begeistert und inspiriert von den Farben des Ortes. Es gibt eine Wehrkirche, eine trutzige Festungsanlage, verwinkelte Altstadtgassen und mehrere Stadtstrände, alles im schönsten Licht der Mittelmeersonne. Wir bummeln eine Weile durch die Stadt und lassen uns schließlich auf ein Getränk in einem Café an der Uferpromenade nieder. Genießen die Sonne auf unserer blassen Haut und den Blick über die glitzernde Wasserfläche.
Schließlich räumen wir unseren Parkplatz, der übrigens heiß begehrt ist und fahren weiter gen Süden. Der Plan: einen Sandstrand für den Nachmittag finden, um denselben faul in der Sonne und natürlich auch im Wasser zu verbringen. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellt. Nicht dass es an Stränden mangeln würde, keineswegs, aber mit den dazugehörigen Parkmöglichkeiten sieht es mau aus. Wir brauchen also eine Weile bis wir fündig werden. Südlich von Port Vendre finden wir sie dann, die ultimative Badebucht mit ausreichend Parkplätzen. Ein kleiner Fußmarsch durch eine Art Park und man erreicht eine kleine Badebucht mit allem was der Strandurlauber so braucht. Site de l´Anse de Paulilles heißt der Ort und hier stand die Dynamitfabrik Alfred Nobels. Was für ein Zufall! Die andere Dynamitfabrik dieses Herrn stand in Geesthacht, nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt.
Wir bleiben bis der Strand im Schatten liegt und es Zeit wird aus den nassen Badesachen herauszukommen. Nasse Badesachen? Ja, wir waren im Wasser. Schließlich sind wir aus Norddeutschland und nicht aus Zucker. Die Südfranzosen mögen ja um diese Zeit ihre Häuser winterfest machen und den Kragen hochschlagen, für uns ist aber immer noch Badewetter.
Den nächsten Tag nutzen wir, um noch mehr über die Katharer oder besser ihre letzten Rückzugsorte zu erfahren. Ihr erinnert euch? Das waren jene, die meinten mit einer eigenen Kirche hätte man gute Chancen sich gegen die römisch-katholische Kirche samt Papst und den französischen König aufzulehnen. Was schon im 12. Jahrhundert keine wirklich gute Idee war. Wir sind bereits in Carcassonne über sie gestolpert.
Unser Weg führt uns an alten Ruinen vorbei, aus denen bereits Bäume wachsen und an Feldern voller Weinreben, meist schon abgeerntet, bis auf jene, die wir kosten müssen, weil sie uns fast von selbst in die Hände fallen. Selten so süße Trauben gegessen. Langsam geht es hinauf ins Gebirge und uns wird klar warum diese Trutzburgen sich so lange halten konnten. Tatsächlich scheinen sie in dieser einsamen Gegend geradezu mit dem Berg verwachsen zu sein. Man sieht sie einfach nicht.
Die erste Burg, die wir ansteuern ist das Château de Peyrepertuse, das 800 Meter über dem Örtchen Duilhac-sous-Peyrepertuse thront und aus dem Tal wie ein Teil des Felsgesteins anmutet. Erst auf dem Parkplatz angekommen, erkennt man die trutzigen Mauern. Wir zahlen unseren Eintritt, schauen überascht auf den Warnhinweis, der dringend Wanderschuhe anrät und machen uns auf den Weg, nein, besser den Bergziegenpfad, der uns um den Felsen herum in die Höhe zum Eingang führt. Gut, dass wir wenigstens feste Schuhe anhaben, also die meisten von uns...
Das Château ist mit einer Gesamtfläche von 7000 m2 ein riesiges Areal auf unterschiedlichen Ebenen, das von seinen Mauern unglaubliche Blicke in die Landschaft ermöglicht. So wie es angelegt ist, erscheint es mir auf alle Fälle uneinnehmbar. Wir streifen eine ganze Weile zwischen den Felswänden umher, wobei unsere Tochter Milena ihre ganz eigenen Wege geht und beim Klettern auf diesen steinigen Ziegenpfaden plötzlich erschreckt stehenbleibt. Eine Schlange! Die schnell noch fotografiert werden muss, bevor der Rückzug angetreten wird.
Auf den obersten Teil dieses Châteaus gelange ich nicht mehr, mein Knie findet dieses dauernde Klettern nicht so lustig. Also bleibe ich im Schatten auf einem Felsen sitzen, während der Rest meiner Familie über Geröll und Felsen bis zum obersten Turm hinaufklettert. Auf meinem Felsen sitzend lausche ich den schrillen Rufen der Falken, die den Gipfel umkreisen. Die Luft ist frisch und klar, Kräuterduft kitzelt meine Nase. Ich lasse meinen Blick über die unter mir sich ausbreitende Landschaft schweifen und versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein mag, hier oben seinen Glauben oder was auch immer gegen den Rest der Welt zu verteidigen. Ein geschichtsträchtiger Ort. Sehenswert. Auch ohne, dass ein Interesse an Geschichte besteht.
Da wir inzwischen geübt darin sind über schmale Pfade und Felsen zu wandeln, suchen wir für unser mittägliches Picknick einen anderen verzauberten Ort auf. Natürlich ähnlich schwierig zu erreichen, wie unsere Burg. Ein Feldweg führt von der Straße kurz hinter dem Ortsausgang von Duilhac bis zur Gorges du Verdouble. Hier gibt es sogar einen Parkplatz, der im Sommer wohl gebührenpflichtig ist, jetzt aber ohne Aufsicht im herbstlichen Sonnenschein vor sich hin träumt. Ein Wohnmobil steht im Schatten der Bäume am Fluss, zwei weitere Autos auf dem weitläufigen Areal des Parkplatzes und weitere Lebenszeichen sind nicht auszumachen.
Eine Brücke, die über die Verdouble führt, ist zwar noch zu erkennen, aber nicht mehr benutzbar. Also nutzen wir den lehmigen Ziegenpfad an der zerklüfteten Felswand, um in die Schlucht zu gelangen, die größtenteils bereits im Schatten liegt. Über die flach gespülten Felsen gehts auf die andere Seite und wir lassen uns im sich zurückziehenden Sonnenschein nieder, um unsere Baguettes zu verzehren, während um uns herum das Wasser gurgelt. Unbezahlbar!
Hätte mir jemand erzählt, dass das Château de Peyrepertuse noch zu toppen ist, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Doch wir haben uns noch eine weiter Burg vorgenommen, die ebenfalls, einem Vogelnest gleich, hoch oben auf einem Berggipfel thront. Das Château de Quéribus. Auch hier klettert wir vom Besucherparkplatz zehn Minuten steil bergauf, bis wir uns zu Füßen dieser hoch über uns aufragenden Burg befinden.
Mein Blick bleibt an den trutzigen Mauern hängen. Wie wir inzwischen wissen, waren die Katharer hartnäckig. Auch nachdem ihr Machtzentrum Carcassonne 1209 in die Hände der Katholiken fiel, gaben sie nicht auf. Verschanzten sich in verschiedensten Burgen. Eine der bedeutensten war Montsegur. Hier fand die katharische Gemeinde samt ihrem Bischof ihren letzten Rückzugsort. Diese uneinnehmbare Festung in einer sehr unzugänglichen Landschaft musste sich dann aber auch im Frühjahr 1244 nach zehn Monaten Widerstand dem Kreuzfahrerheer ergeben, das vor ihren Mauern lagerte. Wer seinem Glauben nicht abschwören wollte, wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zimperlich waren die nicht damals! Angeblich hat keiner seinen Glauben aufgeben wollen, so dass alle zweihundert Katharer im Feuer den Tod fanden.
Die Festung Quéribus aber hielt noch bis zum Jahr 1255 durch.
Wenn man hier oben steht, an die Mauern gelehnt, die die Wärme der Sonne gespeichert haben, den Blick über die kahlen Berggipfel schweifen lässt, ist es schwer sich vorzustellen, dass dieser friedliche Ort Schauplatz solcher Auseinandersetzungen war. Der Ausblick ist unvorstellbar schön und jede der unzähligen steinernen Treppenstufen wert, die man erklimmen muss, um ihn zu genießen.
Tatsächlich haben wir auch unwahrscheinliches Glück mit dem Wetter, das hier oben nicht selten auch sehr ungemütlich sein kann. Häufig pfeipt in diesen Höhen ein heftiger Wind, der einen an solch herbstlichen Tagen durchaus frösteln lassen wird.
Wir kraxeln eine ganze Weile zwischen den Mauern umher, bevor wir uns wieder an den Abstieg machen. Es ist bereits später Nachmittag. Zeit sich wieder auf den Weg zurück zu unseren Mobilheim zu machen.
Der nächste Tag ist unser letzter am Mittelmeer. Danach wollen wir weiterfahren in die Pyrenäen. Was liegt also näher, als noch einen Strandtag einzulegen? Die Sonne scheint auch heute zuverlässig und nach anfänglicher morgendlicher Kühle wird es schnell warm. Wir fahren an der Küste entlang Richtung Norden, vorbei am Etang de Leucate, bis wir in der Nähe des Cap Leucate einen langgezogenen Sandstrand finden. Das ist unser! Also Auto parken, Handtücher raus und ordentlich am Strand faulenzen.
Wie schön, dass uns auch heute noch so spätsommerliche Temperaturen vergönnt sind. Natürlich gehen wir auch noch einmal baden. Wer weiß denn schon, wann und ob das in diesem Jahr noch einmal möglich ist?
Damit wir den Tag nicht nur faulenzend verbringen, bummeln wir nach diesem Badetag noch ein wenig durch Leucate, das recht einsam in der spätnachmittäglichen Sonne liegt, die die farbig bemalten Häuser in ihr goldenes Licht taucht, werfen einen Blick auf die spärlichen Reste einer ehemaligen Festung, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Tschüß Mittelmeer, wir fahren morgen ab ins Gebirge!