Island - Golden Circle

Es ist Sonntagmorgen und die Wolken hängen erneut tief. Wir verlassen Reykjavik. Mit einem guten Frühstück im Magen, einer Kiste Lebensmittel im Auto und ganz viel Neugierde auf das was uns erwartet. Unsere nächste Unterkunft, ein kleines Cottage, liegt in Reykholt. Davon gibt es zwei, wie unser Navi feststellt, und es dauert ein wenig bis wir das richtige ausgemacht haben, nämlich das an der Nationalstraße 35. Von hier lassen sich problemlos der Geysir und auch der Gullfoss erreichen.
Wir werden einen kleinen Umweg machen, es ist genug Zeit, um uns  die alte Parlamentsstätte Þingvellir (Thingvellir) anzusehen. Nun stellt euch bloß kein Parlamentsgebäude oder so etwas vor, das lief auf Island nämlich ganz anders ab. Einmal im Jahr, irgendwann im Juni, hielten die Isländer hier ihre traditionelle gesetzgebende Versammlung ab, und zwar bereits seit dem Jahr 930. Hier wurden Streitigkeiten geschlichtet und Gesetze beschlossen. Darüber hinaus sicher auch Neuigkeiten ausgetauscht, Waren angeboten, Feste gefeiert und all das, was immer passiert, wenn viele Leute aufeinander treffen. Bis zu 4000 Menschen versammelten sich hier dann und bauten ihre provisorischen Unterkünfte in der Schlucht auf. An einem geologisch sehr eindrucksvollen Ort, der Allmännerschlucht, die darüber hinaus auch die Grenze zwischen Europa und Amerika ist. Denn hier treffen die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinander.
Unsere Fahrt führt uns an grünen Hügeln mit Schildern vorbei, die Schafe darstellen - seltsam... gibt es davon nicht genug lebende auf den isländischen Hügeln und Bergen? Die Straße zieht sich wie ein Band durch die braun bewachsene Hochebene, die Wolken werden dunkler, hängen tiefer... und es beginnt zu regnen. Regnet immer noch, als wir unser kleines Auto auf dem Parkplatz abstellen, übrigens der einzige während unseres Urlaubs, für den eine Parkgebühr verlangt wird.
Also Regenjacke zu, Kapuze aufsetzen und los gehts. Ein Scheibenwischer für die Brille wäre wünschenswert. Doch wundersamer Weise hört es auf zu regnen, als wir oben auf den Felsen stehen, unter uns der Fluss Öxara, der auf den Versammlungen die Menschen mit frischem Wasser versorgte. Ein beeindruckender Ausblick.
Es bleibt trocken, während wir durch die Schlucht wandern, gemeinsam mit vielen anderen Menschen in bunten Regenjacken. Trotz des schlechten Wetters ist es voll hier, gehört Þingvellir doch zu den top-touristischen Zielen. Reisebusse kippen ihren menschlichen Inhalt auf den Parkplatz, woraufhin ein jeder fotoapparatbewaffnet geschäftig herumeilt, um möglichst schnell möglichst viel in sich und die Kamera aufzunehmen, da ja alle wieder rechtzeitig im Bus sein müssen. Wir haben Zeit. Wie schön!
Auf der anderen Seite des Flusses befindet sich eine kleine Kirche, eine Brücke führt über den Öxara, hier sind schon wesentlich weniger Menschen unterwegs. Nachdem wir einen Blick hineingeworfen haben, verschließt ein junger Mann die Kirchentür und wir wandern im weiten Bogen über eine andere Brücke zurück. Wir schaffen es bis zum Auto, als erneut der Regen einsetzt. Gutes Timing!
Was folgt könnte man mit entspanntem Picknick im Fahrzeug beschreiben, während die Regentropfen in Bächen an den Scheiben herunterlaufen. Das war eigentlich anders geplant, aber man muss mit den Gegebenheiten zurecht kommen. Heißer Kaffee, belegte Brote und Schokolade geht super im Auto.
Wir machen noch einen Abstecher zum Bischofssitz Skálholt, wo ehemals eine große Stabkirche gestanden haben soll. Heute findet sich hier ein schlichter weißer Kirchenbau und  eine kleine aus Torf, Holz und Stein errichtete Kapelle mit dem so typischen Grasdach, das wir auf unserer Reise immer wieder sehen werden.  Außer uns streift nur noch eine einsame Gestalt über das Gelände, ansonsten ist niemand zu sehen. Das ist das wunderbare hier in Island, verlässt man die bekannten touristischen Pfade, ist man auch während der Hochsaison oft alleine unterwegs. Was wir noch mehrmals feststellen werden.
Der kleine Ort Reykholt, zu dem unser Ferienhäuschen gehört, besteht aus wenigen Häusern, einem Schwimmbad, einem Restaurant, Gewächshäusern und der obligatorischen Tankstelle, die gleichzeitig Lebensmittelladen, Imbiss und Informationsstelle ist. Eindeutig der wichtigste Teil eines solchen Dorfes. Unsere Hütte ist super ausgestattet, liegt einsam und versteckt hinter Bäumchen und hat sogar eine kleine Veranda. Wegen des Wetters im Moment nur nicht nutzbar.
Am nächsten Morgen machen wir erstmal etwas ganz anderes... wir suchen einen Arzt auf. Tatsächlich habe ich anfänglich gedacht, dass wir dafür ins etliche Kilometer entfernte Sellfoss müssen. Doch das isländische Gesundheitssystem ist super aufgestellt, zahlreiche über das ganze Land verteilte Gesundheitszentren sichern die medizinische Versorgung. Das nächste ist im nur wenige Kilometer entfernten Laugaràs und da fahren wir jetzt hin. Ich bin mit Antibiotika und Nebenhöhlenentzündung in diesen Urlaub gestartet und es wird irgendwie eher schlechter als besser. Ja, und in diesem Gesundheitszentrum lernen wir nicht nur, dass unsere Krankenkassenkarte auch hier anerkannt wird - also die europäische Rückseite derselben - nein, darüber hinaus erfahren wir, dass diese Zentren und auch viele andere Einrichtungen nicht mit Schuhen betreten werden. Die zieht man am Eingang aus, stellt sie ordentlich in ein Regal und besucht den Arzt auf Socken. Das schafft gleich ein besonderes Vertrauensverhältnis, man fühlt sich wie Zuhause. Ich verlasse das Gesundheitszentrum mit neuen Medikamenten - die übrigens hervorragend geholfen haben - und weiß dank der Erklärung des Arztes, dass man sich der Schuhe entledigt, da in den meisten Monaten dank des isländischen Wetters an denselben reichhaltig Matsch, Eis und Modder haftet.
Den Rest des Tages verbringen wir mit Besichtigungen, während wir gleichzeitig die unterschiedlichsten Formen isländischen Regens kennenlernen. Wir sind spät dran, dementsprechend voll ist es, die Reisebusse sind auch schon da. Das Geothermalfeld, auf dem ein Geysir, nämlich der Strokkur immer noch zuverlässig spuckt, können wir bereits aus der Ferne erkennen. Seltsam über Erde zu wandeln, aus der es dampft und zischt und brodelt.
Der Strokkur ist ordentlich umlagert, als wir nach einem kurzen Spaziergang dort anlangen, doch es ist immer noch genug Platz, um das Schauspiel unbehindert genießen zu können. Unglaublich, zu sehen wie dieses Wasser sich plötzlich aufwölbt und als Wassersäule in den grauen Himmel schießt, um schließlich die Besucher in Dampfschwaden zu hüllen, während alles in sich zusammenfällt.
Es beginnt wieder stärker zu regnen, wir flüchten ins ein wenig überfüllte Besucherzentrum und versuchen das ganze bei einem leckeren Eis abzuwarten. Doch es schüttet immer weiter, so dass wir beschließen weiter Richtung Gullfoss zu fahren. Vielleicht hört es ja in der Zwischenzeit auf...
Doch das sonst so wandelbare isländische Wetter überzeugt heute durch Beständigkeit. Auf dem Weg zum Gullfoss begleitet uns dauerhaft das Geräusch unseres Scheibenwischers. Nirgendwo ein Anzeichen dafür, dass es irgendwann aufhören könnte zu regnen. Egal. Regenjacke an, Kapuze auf und raus aus dem Auto. Wir wollen diesen gigantischen Wasserfall sehen. Auch wenn es regnet. Dass wir ihn überhaupt noch sehen können, verdanken wir übrigens einer Bauerntochter - Sigríður Tómasdóttir. Ihr Vater hatte das Land zur Energieerzeugung verpachtet, bereute es aber kurze Zeut später. Seine Tochter führte deswegen vergeblich einen langjährigen juristischen Kampf. Erst als Sie drohte, sich in die Fluten des Gullfoss zu stürzen, wurde das Vorhaben aufgegeben.
Und so stehen wir heute im Regen oberhalb dieses gigantischen Wasserfalles, der sich in zwei Stufen in eine schmale Schlucht ergießt und können nur staunen. Da wir inzwischen ziemlich durchweicht sind, beschließen wir das ganze für heute zu beenden. Wir werden morgen wiederkommen, so früh wie möglich und hoffen, dass wir dann besseres Wetter haben.
Am nächsten Morgen ist sie tatsächlich da: die Sonne. Ab und zu blinzelt sie hinter den Wolken hervor, hurra! Wir packen unser Frühstück ein und sind vor den Massen am Gullfoss. Wenn man so alleine vor diesem Naturwunder steht, ist der Wasserfall gleich noch doppelt beeindruckend. Nass wird man übrigens auch ohne dass es regnet. Wer dem Pfad hinab bis dicht an die Kante der Schlucht folgt, steht im feinen Sprühnebel, der mit seiner Feuchtigkeit übrigens auch dafür sorgt, dass es hier so besonders grünt und blüht.
Auch das Geothermalgebiet mit dem Strokkur besuchen wir ein zweites Mal an diesem Morgen. Nur wenige Besucher sind genauso früh aufgestanden wie wir und wir wandern eine knappe Stunde entspannt zwischen zischenden Wassern und Nebeln umher. Manchmal glasklar, manchmal milchigblau schwimmt es in den Tümpeln. Ab und zu hüllt uns Schwefelgeruch ein und wir verschwinden im warmen Wasserdampf. Wenn ich diese Wunder um mich herum betrachte, verstehe ich all die Mythen und fantastischen Geschichten, die dieses Land hervorgebracht hat.
Nun ist es erst früher Vormittag, wir haben noch den ganzen Tag zur Verfügung. Was also machen wir nun? Nach eifrigem Blättern im Reiseführer entscheiden wir uns den Museumshof Þjóðveldisbær anzufahren. Hier wird die Wohnweise der ersten isländischen Siedler nachgestellt, und zwar basierend auf der Ausgrabungsstätte Stöng, die unweit des Museumshofes liegt. Leider unerreichbar für uns, da wir kein Allradfahrzeug haben. Stöng ist ein Gehöft, das bei Ausbruch der Hekla im Jahr 1104 verschüttet und dann bei Ausgrabungen im Jahr 1939 gut konserviert unter einer dicken Schicht Bimstein wiederentdeckt wurde. 
Unser Navi behauptet erst einmal, dass es keine Route dorthin finden kann, das Ziel wäre isoliert... Aha... Wahrscheinlich haben wir wieder irgendwas falsch eingestellt. Wir schalten es einfach aus und fahren nach der Übersichskarte im Reiseführer. Überhaupt kein Problem! Auf der landschaftlich wirklich sehr schönen Strecke dorthin treffen wir kaum ein Fahrzeug. Wir sind abseits der ausgetretenen touristischen Pfade hier im Golden Circle unterwegs, das merkt man sofort.
Die Sonne findet öfter den Weg durch die Wolken, wir lassen die Regenjacken im Auto, als wir den Hof erreichen. Ein wirklich schöner Platz. Auch wenn der Originalhof hier nicht gestanden hat, hätte ich mir genau so einen Ort ausgesucht, um ein Haus zu bauen. Oben in den Hügeln, von Felswänden vor den Winden geschützt, ein kleiner Wasserfall stürzt hinab ins grüne Tal und plätschert durch grüne, blütengesprenkelte Wiesen. Es ist still hier, man hört nur das Wasser gurgeln. Ein idyllischer Ort.
Im Inneren des grassodengedeckten Hofes wird einem das alltägliche Leben der ersten isländischen Siedler näher gebracht, darüber hinaus gibt es noch eine Kapelle, auch eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche, die man in Stöng ausgegraben hat. Mir hat der Besuch dort wirklich sehr gut gefallen.
Zum Abschluss setzen wir uns auf einen Felsen und picknicken. Genießen dabei die Sonnenstrahlen, die immer wieder für kurze Zeit durch die Wolken linsen und unsere Gesichter wärmen. Hatte ich schon irgendwo erwähnt, dass die Luft auf Island anders ist? Frischer, sauberer, als hätte man die Landschaft grad aus der Waschmaschine geholt und bei kühlem, leichten Wind zum Trocknen aufgehängt.
Ich freue mich schon auf die weitere Reise. Morgen geht es an die Südküste. Vielleicht lesen wir uns dort...


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