Drei Generationen in Stockholm oder wie geht eigentlich barrierefreies Reisen?

Wir hatten uns bereits irgendwann im Winter entschieden, dass es dieses Jahr nach Stockholm geht. Diesmal sind wir sogar zu fünft, meine Mutter, die Tochter, Schwägerin und Nichte. Flüge und Hotel gebucht und damit ist dann normalerweise ja alles klar. Tja, diesmal aber nicht. Denn Oma bricht sich kurz vor Weihnachten den Fuß und das ganze zieht sich hin. Richtig laufen ist auch im Sommer immer noch nicht möglich. Was also tun? Wir melden bei Eurowings einfach mal einen Rollstuhl an und testen wie barrierefreies Reisen geht. Schließlich hat Stockholm ja den Ruf ziemlich behindertenfreundlich aufgestellt zu sein.
Schon am Hamburger Flughafen ist alles anders. Erstmal war das online einchecken nicht möglich, wir müssen an den Schalter. Tatsächlich dürfen wir an der Schlange vorbei und werden am Priority-Schalter bedient und abgefertigt. Die nette Dame bestellt den Service vom Roten Kreuz zum Einstieg. Da unsere Maschine nicht an einem Arm anlegt, sondern auf dem Flugfeld steht, bekommen wir einen Extra-Transportservice. Zwei wirklich nette junge Männer nehmen Oma samt Rollstuhl in Empfang und schieben sie in eine Art Hubwagen. Wir dürfen alle mit. Ins Flugzeug gelangen wir dann über den Cateringeingang völlig treppenfrei. Alles klappt super und wir sitzen vor allen anderen im Flieger und haben darüber hinaus keine Probleme unser Handgepäck - was auch unser einziges Gepäck ist - zu verstauen. Super!
In Stockholm auf dem Flughafen wartet wiederum eine Dame auf uns, die Oma bis zum Gepäckband auf einem Flughafenrollstuhl schiebt. Unser Rollstuhl wartet dort bereits und es kann losgehen.
Der Flughafen Arlanda liegt ein gutes Stück nördlich außerhalb Stockholms, die schnellste Verbindung in die Stadt ist der Arlandaexpress. Wir versuchen uns am Ticketautomaten, erstehen dort fünf Einzelfahrkarten und wundern uns über den extrem hohen Preis von umgerechnet 140 Euro für uns alle. Puh, dass Schweden nicht unbedingt das günstigste Urlaubsland ist, das wussten wir schon, aber so teuer? Das kann ja heiter werden.
Tatsächlich sorgen wir mit unseren Tickets für allgemeine Heiterkeit, als der Schaffner sie kurze Zeit später kontrolliert, wir haben viel zu viel bezahlt. Der gute Mann verkauft uns eine deutlich billigere Variante und erklärt uns, wie wir die 140 Euro am Schalter in Stockholm zurück erhalten. Das klappt problemlos und nach Aussage des netten Herren, der alles zurückbucht, sind wir nicht die einzigen Touristen, die das falsch machen. Das beruhigt uns, sind wir also nicht völlig blöd... Also, wenn ihr euch Tickets holt, achtet auf Gruppenrabatte. Rollstuhlfahrer fahren übrigens unentgeltlich mit.
Auf dem T-Centralen, dem Herz der Stockholmer U-Bahnen angekommen sind wir erstmal mehr oder weniger orientierungslos, aber dank unserer Altersstruktur gibt es Mitglieder unserer Reisegruppe, die wunderbar mit neuester Technik klar kommen. Meine Nichte hat sich die App der Stockholmer Verkehrsbetriebe heruntergeladen und führt uns sicher Richtung Hotel. Mit dem Rollstuhl dauert alles ein wenig länger, da wir manchmal schon auf einen Fahrstuhl warten müssen, aber Stockholm ist da einfach großartig, kein Bahnhof ohne Fahrstuhl, die Busse absenkbar, es gibt immer Möglichkeiten einen Rollstuhl mitzunehmen, die Halteknöpfe sind für Rollstuhlfahrer wirklich gut zu erreichen, also, ein großes Lob an die Stockholmer Verkehrsbetriebe, da ist Hamburg noch Meilen von entfernt.
Wir kommen spät in unserem Hotel an, essen noch etwas nicht so leckeres in einem Schnellrestaurant in der Nähe und fallen schließlich müde in unsere Betten.
Der nächste Morgen beginnt mit einem großartigen Frühstück in unserem Hotel, dem Park inn by radisson hammarby sjöstad. Das liegt südlich der Innenstadt und gefällt uns wirklich gut. So gestärkt gehts los Richtung Altstadt, nachdem wir im Laden an der Haltestelle Fahrtickets für drei Tage gekauft haben. Das Programm für heute: Altstadt und Königlicher Palast mit Wachablösung, mal sehen was wir schaffen.
Wir verlassen die U-Bahn an der Station Gamla Stan, nehmen den Fahrstuhl und befinden uns in der Altstadt. Die kopfsteingepflasterten Straßen und kleinen Gassen sind mit dem Rollstuhl nicht völlig problemlos zu bewältigen, zumal sie auch die eine oder andere Steigung beinhalten, aber wir wechseln uns ab und ab und zu muss Oma auch ein kleines Stück laufen. Gamla Stan ist sozusagen das mittelaterliche Stockholm, früher gab es noch eine Stadtmauer rundherum und das wars dann, alles andere existierte noch nicht.
Wir schlendern eine Weile durch die Gassen, schauen in einige Läden und landen schließlich rechtzeitig eine halbe Stunde vor Wachablösung vor dem königlichen Schloss. Die rücksichtsvollen Schweden lassen uns mit dem Rollstuhl direkt vor die Absperrung fahren, so dass wir einen hervorragenden Blick auf alles haben. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und bescheint das Szenario, so dass die armen Damen und Herren in Uniform sicher ordentlich ins schwitzen kommen.
Mit viel Rumtata und Täterä marschieren die Uniformierten der Musikkapelle nach einer ausgeklügelten Choreographie hin und her, Soldaten schmeißen zackig die Beine hoch oder trippeln im Laufschritt von einer Stelle zur nächsten, es wird ein bißchen rumgeschrien und gegrüßt, bis schließlich die eine Gruppe die andere abgelöst hat. Ungewöhnlich ist nur, dass die Kapelle außer der typischen Marschmusik auch Abbas Mamamia im Programm hat, was vom Publikum mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wird. An Wochentagen findet die Wachablösung um 12.15 Uhr statt, an Sonn- und Feiertagen um 13.15 Uhr.
Wir erholen uns im Innenhof des Schlosses bei kalten Getränken, bevor wir uns an die Besichtigung desselben machen. Das königliche Schloss soll tatsächlich 605 Zimmer haben, eines mehr als der Buckingham Palace. Es ist also ziemlich groß, von außen nicht unbedingt schön, aber auf jeden Fall beeindruckend. Bevor wir die Tickets kaufen, erkundigen wir uns, ob es einen Fahrstuhl gibt und natürlich haben die Schweden auch daran gedacht. Über einen Extraeingang wird Oma in einen versteckten Lastenaufzug gebracht, so dass sie ganz normal an der Besichtigung der Räumlichkeiten, die über verschiedene Stockwerke verteilt sind, teilnehmen kann.
Das königliche Schloss ist auch heute noch offizielle Residenz der königlichen Familie und gelegentlich wegen Staatsbesuchen oder Feierlichkeiten nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Wir schieben eine ganze Weile durch die prunkvollen Säle und Räumlichkeiten, treffen kein Mitglied der königlichen Familie und sind am frühen Nachmittag wieder draußen im Sonnenschein.
Eine kurze Pause und etwas zu Essen am Wasser, dann bummeln wir noch einmal durch die Altstadt, verlieren uns in einzelnen Geschäften, treffen irgendwelche Mitglieder der Sturmtruppen aus Starwars und machen uns schließlich auf den Weg zurück zum Hotel. Finden einen ordentlichen Italiener in der Nähe, der gute Pizzen und Pasta zu angemessenen Preisen verkauft. Nur das Glas Rotwein dazu, das umgerechnet mit 8 Euro zu Buche schlägt, fällt ein wenig aus dem Rahmen. Aber was solls, das sind halt schwedische Preise. Wir beschließen den Tag albern auf der Dachterrasse unseres Hotels, die nicht nur einen hervorragenden Ausblick bietet, sondern darüber hinaus noch einen Fitnessbereich und eine Sauna im obersten Stockwerk hat. Toll!
Am nächsten Morgen machen wir uns nach dem Frühstück auf zur Insel  Djurgården. Das ehemalige königliche Jagdgebiet beherbergt heute zahlreiche Museen und Freizeitparks in grüner Umgebung. Als wir mit der Fähre von Slussen nach Skeppsholmen und Djurgården fahren, schiebt sich die Sonne durch die Wolken und scheint den Rest des Tages zuverlässig auf die Stockholmer Stadt. Danke dafür. Die Fähre ist übrigens Teil des öffentlichen Personennahverkehrs und kann mit einem gültigen SL-Ticket oder dem Stockholm-Pass kostenlos genutzt werden.
Auf Djurgården findet man nicht nur das Abba-Museum, das nordische Museum, das Vasamuseum und die Astrid-Lindgren-Welt Junibacken, den Freizeitpark Grönalund und das Freilichtmuseum Skansen. Sondern auch ganz viel Park und Kunst und Boote und Hafen und Restaurants und, und, und...
Wofür soll man sich da entscheiden? Wir beschließen uns aufzuteilen.  Ein Teil geht Abba besuchen und wir machen uns mit Oma und Rollstuhl auf den Weg ins Vasamuseum. Das hat übrigens rein gar nichts mit Knäckebrot zu tun, sondern mit einem alten Kriegsschiff, nämlich der Vasa. Die sank nämlich schon auf ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1628 nach einem knappen Kilometer Fahrt unweit des heutigen Museums, lag dort ein paar Hundert Jahre still und einsam unter Wasser und wurde 300 Jahre später wieder geborgen.
Heute präsentiert sie sich in einem extra dafür konstruiertem Gebäude in ihrer ganzen Pracht bei schummriger Beleuchtung. Auf einer deutschen Führung - bei der sich die meisten deutschen Teilnehmer nicht einmal halb so behindertenfreundlich verhalten wie die Schweden - erfahren wir so allerhand Wissenswertes. Achtundsechzig Meter lang ist das Kriegsschiff und es besteht zu 98 % aus Originalteilen. Über tausend Eichen wurden für den Bau benötigt, die nicht etwa aus Schweden stammten, sondern aus dem Königreich Polen, mit denen man zwar damals in die  Auseinandersetzungen des dreißigjährigen Krieges verwickelt war, was aber wohl den wirtschaftlichen Beziehungen keinen Abbruch tat. Hach, die Welt hat sich seither kaum verändert...
Es sollte ein besonders schnelles starkes Kriegsschiff werden, deshalb wurde es so schmal konstruiert und mit reichlich Kanonen bestückt, jede fast anderthalb Tonnen schwer. Keine gute Kombination!
Als die schweren Kanonen zum Salut schossen, drang Wasser in die Luken und innerhalb kurzer Zeit befand sich die Vasa am Meeresboden. So schnell kann es gehen.
Insgesamt ein wirklich beeindruckendes Museum mit ganz viel Ausstellung rundherum für die uns tatsächlich die Zeit fehlt. Das liegt daran, dass der Fahrstuhl, den es hier natürlich gibt, auch gerne von Reisegruppen oder Einzelpersonen genutzt wird, die nicht in der Lage sind ein Stockwerk zu Fuß zu laufen und man deshalb relativ lange auf diesen warten muss. Ja, immer diese Fußkranken...
Unser Nachmittag gehört den Stockholmer Schären. Nur ein Bruchteil der 30.000 Stockholmer Inseln und Inselchen ist bewohnt, unzählige wunderschöne Flecken ragen hier aus dem blauen Wasser. Wir fahren mit der SS Stockholm, die auf uns ein wenig historisch wirkt und nur wenig behindertenfreundlich ist. Wir schaffen es trotzdem für uns und Oma Plätze auf dem knapp bemessenen Oberdeck im Freien zu ergattern und verteidigen diese auch die drei Stunden, die unsere Fahrt dauert.
Wunderbare Ausblicke, soweit das Auge reicht. Wer bisher keine Lust hatte ein wenig Zeit in einem der schwedenrot gestrichenen Ferienhäusern auf einer Schäreninsel zu verbringen, der bekommt sie mit Sicherheit auf dieser Fahrt.
Auf der Rückfahrt zum Hotel lernen wir das erste Mal die wundervollen Bahnhöfe der  U-Bahnlinien kennen. Die alleine sind ein Grund Stockholm erneut zu besuchen, denn wir haben viel zu wenig von denen gesehen.
Den Abend verbringen wir im Hotel, erst bei einem teuren Essen im Restaurant und danach in der Sauna und mit einem alkoholfreien Merlot im Fitnessbereich. Ich wusste bisher gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Aber glaubt mir, ein Traubensaft tut es dann auch...
Und schon ist unser letzter Tag in Stockholm angebrochen. Also verlassen wir nach dem Frühstück unser Hotel und verschließen unser Gepäck erst einmal in den Schließfächern des Stockholmer T-Centralen. Was machen wir nun mit dem letzten Tag in dieser Stadt?
Anschließend verschaffen wir uns einen nachträglichen Überblick über Schwedens Hauptstadt, indem wir eine Weile mit dem Hop on- Hop of-Bus fahren. Und wir besuchen die königlichen Ställe, die wohl so etwas wie ein kleiner Geheimtip sind, denn wir treffen nur wenige Leute dort. Dabei ist die Führung ausgesprochen spannend und informativ und in einem Englisch, das wirklich gut verständlich ist. Für Oma übersetzt Milena, so dass auch diese die Anekdoten verstehen kann.
Ja, und dann ist unsere kleine Reise auch schon zu Ende. Stockholm hat sich als ausgesprochen behindertenfreundlich präsentiert. Keine andere bisher von uns besuchte Großstadt kann da mithalten. Ich für meinen Teil werde sicher noch einmal wiederkommen, denn es gibt zu viele Dinge, die wir in der kurzen Zeit nicht sehen konnten.
Also: Auf Wiedersehen Stockholm 😄






Hamburg räumt auf :)

Nach all diesen unschönen Bildern, die den G 20-Gipfel begleiteten, tut es gut zu sehen, wie schnell ganz viele Hamburger ganz unkompliziert helfen.
So eine Veranstaltung ist auf Facebook schnell erstellt. Dass sie aber innerhalb kürzester Zeit solchen Zulauf haben würde, haben die Veranstalter sicher nicht zu träumen gewagt. Ein Aufruf an die Facebookgemeinde, am Tag nach dem Gipfel die verwüsteten Stadtteile zu säubern und am nächsten Tag stehen einige tausend Freiwillige am Bahnhof Sternschanze, um die Scherben zu beseitigen, die der G 20-Gipfel hier hinterließ.
Wir sind zu früh und machen uns mit Besen und Mülltüten bewaffnet erst einmal auf in den Schanzenpark. Sammeln einige Säcke zusammen. Plauschen mit einem Obdachlosen, der auf der Wiese sitzt und uns ein paar Tipps gibt. Bilden eine Art Arbeitsgruppe mit einem syrischen Flüchtling aus Aleppo und einer Dame, die extra aus Bad Segeberg angereist sind. Sind nach einer Stunde zurück am Bahnhof Sternschanze. Hier ist die Stimmung ausgelassen. Ein kleiner Junge verteilt bunte Lollis an die wenigen Polizisten. Der Hagebaumarkt verteilt Eimer, Mülltüten und sogar Besen. Dazwischen gibt es kostenlose Wasserflaschen für alle, die möchten.
Nach einer kurzen Ansprache geht es dann los. Die Hamburger Stadtreinigung hat gut vorgearbeitet, viel gibt es an und auf den Straßen nicht mehr zu entsorgen. Doch fleißig wird jede noch so kleine Glasscherbe zusammengefegt und in die Mülltüten verfrachtet. Anwohner freuen sich. Aus einem Fenster ruft eine weibliche Stimme: "Ihr seid die Geilsten!"
Jede noch so kleine Straße findet ein Aufräumteam. Menschen verteilen selbstgebackenen Kuchen und Getränke. Wir arbeiten uns in Richtung Rote Flora vor. Streiten uns dabei augenzwinkernd um den wenigen noch verbliebenen Müll. Eine ältere Dame beteuert stets aufs Neue wie toll sie das alles findet. An einem Geschäft versucht eine Gruppe junger Leute mit Schwam und Wasser die militanten Sprüche von den Jalousien zu waschen. Und das ganze immer wieder  musikalisch untermalt von einer ganz in pink gekleideten Rhythms of Resistance Gruppe.
Vor der Roten Flora sieht es aus wie bei einem Straßenfest. Wir setzen uns an die Bordsteinkante. Eine junge Frau fragt, ob wir einen Burger möchten. Verteilt kostenlos Tüten mit köstlichem Inhalt. Es wird gelacht, es wird gescherzt, alle sind mit offenen Herzen unterwegs. Hier ist es wieder, das Hamburg das ich kenne.
Hab ich schon mal irgendwo gesagt, dass ich meine Stadt und ihre Menschen toll finde?

Mein Brief an Hamburg - Gedanken zum Gipfel

Liebes Hamburg,
du hast uns heute mal wieder gezeigt, wie wunderbar du dich in dezentes Grau zu kleiden verstehst und wie gut du auch mit mehr als den handelsüblichen Mengen an Regen umzugehen weißt. Eigentlich mag ich dich ja lieber sonnenbeschienen und strahlend, aber oft bist du halt hanseatisch zurückhaltend in gedeckte Farben gekleidet. Das ist auch in Ordnung, wir Norddeutsche mögen es nicht unbedingt, wenn man mit seinen Reizen protzt. Ein bißchen Understatement ist eher "comme il faut".
Was ich mich aber frage, nachdem ich diesen Tag durch deine nassen Straßen gelaufen bin, in deren Pfützen sich die dunklen Wolken spiegelten, verzerrt durch die Regentropfen, die in unterschiedlicher Intensität sowohl auf Straße, als auch auf meiner Brille landeten - was ich mich also frage ist, wie kommst du damit klar, dass du, die du doch ein Tor zur Welt sein willst, langsam in eine Festung umgebaut wirst? Macht ein Tor nicht nur Sinn, wenn es auch offen steht?
Auf deinen Straßen, vor allen wichtigen Gebäuden, an Bahnhöfen und entlang der Gleise finden sich Fahrzeuge der Bundespolizei. In manchen dieser Fahrzeuge sitzen Uniformierte, manche stehen dort leer wie Mahnmale. Scheinen uns daran zu erinnern, dass wir diejenigen sind, vor denen andere geschützt werden sollen. Seltsam. Habe ich nicht irgendwann in der Schule gelernt, dass es die Aufgabe der Exekutive sei den Bürger zu schützen? Wer wird hier jetzt vor wem geschützt? Auf deinen Bahnhöfen spähen Beamte der Bundespolizei in die Taschen deiner Bewohner, lassen sich Personalausweise oder andere Dokumente zur Feststellung der Identität vorlegen. Und das bereits eine Woche bevor sich die Vertreter der angeblich mächtigsten Industrienationen unseres blauen Planetens hier in dir treffen. Warum treffen die sich eigentlich? Und warum hier? Geht es ihnen wirklich darum, etwas für ihre Bürger zu tun? Oder geht es nicht eher um Profit? Um ihren Profit? Und was haben eigentlich wir davon? Hätten sie sich nicht auch auf irgendeiner Insel treffen können? Oder eine Videokonferenz veranstalten? Fragen über Fragen... Übrigens wird nicht jeder aufgefordert sich auszuweisen. Nur diejenigen, deren Äußeres... , ja, was eigentlich vermuten lässt?
Ich verlasse meine S-Bahn am Dammtorbahnhof, unweit der Bannmeile, die uns - deine Bürger - nur dann hineinlässt, wenn wir selber in diesem Gebiet auch wohnen. Liebes Hamburg, schließt du eigentlich die Augen, um nicht zu sehen, wie sich manche Kinder ängstlich an den Kontrollposten der Polizei vorbeidrücken?
Meine liebe Stadt, schmerzt es dich eigentlich ebenso wie mich, die von Stacheldraht eingefasste Bahntrasse entlangzugehen? Kilometerlang findet sich der zackengekrönte Draht wie schmückendes Beiwerk auf den Zäunen neben den Gleisen. Und in hanseatischer Korrektheit wird auf leuchtend gelben Schildern darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um eine Polizeiabsperrung handelt und Verletzungsgefahr besteht.
Auch deine stacheldrahtbewehrten Bahngleise werden heute schon von Polizisten geschützt. Vor wem? Das scheinen auch sie nicht zu wissen, während sie im Auto sitzen, ihre Augen auf Laptop und Handy gerichtet. Ist ja auch außer mir hier niemand unterwegs. Vielleicht bewachen sie den Stacheldraht? Schützen ihn vor unbedachten Bürgern? Wer weiß?
In den nächsten Tagen werden auf deinen Wegen, Straßen und Plätzen noch mehr Zäune errichtet werden, noch mehr Plätze können dann von deinen Bürgern nicht mehr betreten werden. Kontrollen auf Bahnhöfen, Sperrungen von Straßen und Parks, die eigentlich der Erholung deiner Bürger dienen sollen, werden dein Stadtbild prägen. Mein liebes Hamburg, das steht dir nicht zu Gesicht. Du bist eine offene Stadt, eine Stadt des Handels und der Kultur, ja, auch eine Stadt, in der die Welt sich trifft. Doch das kann nicht bedeuten, dass dadurch dein Bild, deine Tugenden, deine Offenheit verschwinden. Ich liebe dich, meine Heimatstadt, lass dich nicht missbrauchen.
Am Nachmittag bin ich wieder zurück in einem deiner provinziellen Außenbezirke. Auch auf dem Bergedorfer Bahnhof stehen Beamte der Bundespolizei. Ich hatte sie bereits am Morgen bemerkt, aber mir war nicht klar warum sie dort stehen. Oben an der Treppe. In einer seltsamen Anordnung, die irgendwie einstudiert wirkt. Mich ein wenig an die Aufstellung bei einem Gruppentanz erinnert. Und im Geiste sehe ich diese fünf jungen, bewaffneten Menschen sich an den Händen fassend einen fröhlichen Reigen beginnen. Während ich an ihnen vorbeigehe, lässt mich der Gedanke grinsen. Und einer von ihnen grinst genauso breit zurück.
Liebes Hamburg, ich hoffe diese Tage gehen friedlich an uns vorbei.


Drei Tage an der Bergstraße: Bensheim, das Auerbacher Schloss und Heidelberg

Wenn ich weiter so wenig schreibe, schläft mein Blog hier noch ein...
Tatsächlich ist das bisher reisemäßig noch nicht so mein Jahr gewesen. Wer nicht reist, kann auch nicht darüber schreiben. Doch glücklicherweise wird sich das noch ändern. Im nächsten Monat geht es für ein verlängertes Wochenende nach Stockholm, im August für vier Wochen nach Südafrika (freufreufreu) und im Herbst nach Budapest. Bis dahin fühle ich mich aber eindeutig unterurlaubt.
Wovon ich heute berichten kann, das ist die hessische Bergstraße. Dort war ich nämlich zu Pfingsten auf einem Familientreffen. Mit ein paar Tagen rundherum, so dass Zeit blieb sich in der Gegend ein wenig umzusehen. Tatsächlich gibt es dort eine Menge alter Steine, Ortschaften mit Fachwerkhäusern, Wald und vor allen Dingen Wein. Eigentlich schien überall grad ein Weinfest zu sein oder fürs nächste Wochenende geplant oder grad vorüber... Ist ja nicht unbedingt das schlechteste.
Ja, und was schaut man sich dort so an?
Erster Stop: Burg Frankenstein. Klingt übrigens gruseliger als es ist. Und ob es wirklich einen Zusammenhang mit dem Roman von Mary Shelley gibt, ist nicht so wirklich geklärt. Die Burg liegt südöstlich von Darmstadt und ist eigentlich eher eine Ruine. Man zahlt keinen Eintritt und kann in Ruhe durch die Gemäuer wandern. Es ist nicht unbedingt die spektakulärste Burgruine, die ich bisher besucht habe, aber durchaus sehenswert. Wirklich interessant ist sicher der Besuch, wenn hier eines der größten Halloweenfeste Deutschlands stattfindet. In der Umgebung stationierte US-Amerikaner haben dieses Spektakel einst ins Leben gerufen und es hat sich wohl über Jahrzehnte bewährt.
Heute ist hier nur so ein Gruppenevent mit Bogenschießen und Axtwerfen in mittelalterlichen Gewandungen, das wohl für Firmenausflüge oder ähnliches auf der Burg veranstaltet wird.
Zweiter Stop: Felsenmeer. Auch hier finden sich alte Steine, allerdings der etwas anderen Art.
Es sieht ein wenig aus, als hätte jemand einen sehr großen Sack voller Steine in den Wald gekippt. Natürlich gibt es auch eine Sage dazu, in der sich zwei Riesen im Streit mit Felsbrocken beworfen haben und einer schließlich unter einem Meer von Felsen begraben wurde. Zack - hatte man den Namen. Tatsächlich aber ist das Felsenmeer ein Produkt von geologischen Prozessen, die hunderte von Millionen Jahren dauerten und die ich hier jetzt nicht genauer ausführen möchte. Nicht, dass ich auch noch so lange dafür benötige...
Das Felsenmeer ist heute ein Naherholungsgebiet mit Informationszentrum, Wanderwegen und allem was dazugehört. Für den Parkplatz muss bezahlt werden, darüber hinaus aber nichts. Ein guter Platz für ein Picknick in der Sonne!
3.Stop Bensheimer Badesee. Der Hitze wegen bot sich am Nachmittag der Bensheimer Badesee an. Hier kann man wunderbar einige Stunden am Sandstrand verbringen und hat trotzdem alle Annehmlichkeiten eines Freibades dabei. 3 € Eintritt, Decke in den Sand oder auf die Wiese und den erhitzten Körper ins kühle Nass tauchen - wunderbar. Man kann sich hinterher sogar abduschen, hier ist an alles gedacht.
4. Stop Bensheimer Altstadt. Am Abend geht es mit geliehenen Fahrrädern in die Bensheimer Altstadt auf ein Bierchen oder einen Wein. Das erste Getränk ist allerdings ein Apfelwein oder Äppelwoi, wie man hier sagt. Insgesamt geschmacklich für den norddeutschen Gaumen etwas gewöhnungsbedürftig. Bensheim hat einen hübschen Altstadtkern mit wunderschönen Fachwerkhäusern, etwas abseits der Durchgangsstraße und zum größten Teil eine Fußgängerzone.
5. Stop Auerbacher Schloss. Untergebracht waren wir in einem Hotel in Auerbach, das irgendwie zu Bensheim gehört und dann auch irgendwie wieder nicht. Hoch oben über dem Ort thront jedenfalls das Auerbacher Schloss. Fünfzig Minuten Fußmarsch bringen einen durch grüngesprenkelte Wälder herauf zu dieser wirklich sehenswerten Burgruine.

Kein Eintritt, dafür aber viel zu gucken und eine hervorragende Schlossgastronomie, von deren Burgterrasse man einen grandiosen Blick in die Rheinebene hat. Die Burg war übrigens als uneinnehmbar geplant - von einem Geschlecht mit dem seltsamen Namen Katzenelnbogener. Ein paar Hundert Jahre klappte das auch, bis im französisch-niederländischem Krieg (1672-79) die Burg in Brand gesteckt wurde. Seitdem ist sie Ruine in unterschiedlichsten Stadien des Verfalls, allerdings wurde in den letzten Jahrzehnten viel für ihren Erhalt getan. Ich kann euch einen Besuch nur ans Herz legen, es lohnt sich wirklich.
Auf dem Weg hinunter wurden wir übrigens von einem Gewitter überrascht, das uns komplett durchnässt wieder in unserem Hotel ankommen ließ.
6. Stop: das Kloster Lorsch. Seit 1991 ein Unesco Weltkulturerbe. Am Morgen nach der Feier mit der Familie unsere nächste Anlaufstelle. Hier kann ich einfach nur sagen: Enttäuschend! Außer der karolingische Torhalle und Teilen der romanisch-gotischen Basilika ist hier nichts zu sehen, nicht einmal eine Beschilderung. Am schönsten war da noch der angelegte Klostergarten, mit seinen Pflanzen, Düften und Weinbergschnecken.
7. Stop: der Kaiserdom in Worms. Ein kurzentschlossener Abstecher führte uns an den Rhein nach Worms. Über die Nibelungenbrücke ging es in die Stadt und von dort zu Fuß bis zum Kaiserdom. Beides beeindruckende Bauwerke, mehr aber auch nicht. Sicher hat Worms noch eine Menge mehr zu bieten, dafür fehlte aber die Zeit.
8. Stop: das Fürstenlager. Am späten Nachmittag sind wir zurück in Bensheim oder besser Auerbach. Noch Zeit für einen kurzen Spaziergang durchs Fürstenlager. Hier hatte irgend ein Landgraf seinen Sommersitz, es gibt einen "Gesundbrunnen" und einen wunderschön angelegten Park mit einem der ältesten Mammutbäume Deutschlands. Den allerdings hatte ich mir deutlich größer vorgestellt.
9. Stop: Heidelberg. Unser letzter Tag gehört Heidelberg. Dort war ich bereits einmal vor über dreißig Jahren und meiner Erinnerung nach war es ein grandioser Ort mit einem grandiosem Schloss. Glaubt nicht, dass es das nun nicht wäre, aber tatsächlich sind Erinnerungen trügerisch. Was mich mit knapp zwanzig Jahren wirklich beeindruckt hat, ist heute für mich leider nicht mehr so ein riesiges Highlight. Zuviel habe ich in den vergangenen Jahrzehnten sehen können, zuviele Vergleiche sind möglich. So ist das Heidelberger Schloss nur eines unter vielen und tatsächlich nicht einmal unter den schönsten, die ich mir bisher angesehen habe. Heidelberg selber aber ist eine lebendige Studentenstadt, deren Besuch sich in jedem Fall lohnt. Und wer das Schloss im Rahmen einer Führung besucht, der wird auf jeden Fall eine Menge Wissenswertes und viele Anekdoten erfahren. 
Ein Kuriosum im Heidelberger Schloss ist das große Fass. Über 200.000 Liter Wein soll es gefasst haben und oben drauf war ein Tanzboden. Laut Angaben des amüsanten Herren, der uns durch die Räumlichkeiten führte, wurden hier ehemals 1000 Liter Wein am Tage getrunken, die mittels einer Pumpe in die oberen herrschaftlichen Gemächer gelangten. In diesem riesigen Fass wurde übrigens der sogenannte Zehntwein eingelagert, also der Wein, den die Bauern oder Winzer als Abgabe zu leisten hatten. Ein Sammelsorium unterschiedlichster Weine - sicher nicht die besten - und dann einmal ordentlich durchgerührt. Ob das wohl geschmeckt hat? Und welcher Art waren die Kopfschmerzen, die dieses Gesöff hervorgerufen haben mag? Kein Wunder, dass die Damen und Herren damals nicht sehr alt wurden.
Wie die anderen Schlösser und Burgen der letzten Tage, ist auch das Heidelberger Schloss eine Ruine. Allerdings hat man es von innen zerstört. Ludwig der XIV. - der Sonnenkönig - war wohl nicht amused, dass man ihn nicht als Erbe des kinderlosen verstorbenen Kurfürsten Karl II. anerkannte. Und wenn so ein absolutistischer Herrscher nicht zufrieden ist, dann greift er auch gerne mal zu drastischen Mitteln. Er ließ Türme und Mauern einfach sprengen und hinterließ das Heidelberger Schloss bei seinem Abzug als Ruine. Wahrscheinlich hat er nie gelernt mit seiner Wut umzugehen...
Für 7 Euro darf man mit der Bergbahn zum Schloss hinauf und wieder hinunter fahren, den Schlosshof und das große Fass besichtigen und in das Apothekenmuseum. Wer noch eine Führung durch die wiederhergestellten Räume machen möchte, muss noch einmal 5 Euro drauflegen.
Tja, und das soll es jetzt gewesen sein. Wir sehen uns in Stockholm 😉