Drei Generationen in Stockholm oder wie geht eigentlich barrierefreies Reisen?

Wir hatten uns bereits irgendwann im Winter entschieden, dass es dieses Jahr nach Stockholm geht. Diesmal sind wir sogar zu fünft, meine Mutter, die Tochter, Schwägerin und Nichte. Flüge und Hotel gebucht und damit ist dann normalerweise ja alles klar. Tja, diesmal aber nicht. Denn Oma bricht sich kurz vor Weihnachten den Fuß und das ganze zieht sich hin. Richtig laufen ist auch im Sommer immer noch nicht möglich. Was also tun? Wir melden bei Eurowings einfach mal einen Rollstuhl an und testen wie barrierefreies Reisen geht. Schließlich hat Stockholm ja den Ruf ziemlich behindertenfreundlich aufgestellt zu sein.
Schon am Hamburger Flughafen ist alles anders. Erstmal war das online einchecken nicht möglich, wir müssen an den Schalter. Tatsächlich dürfen wir an der Schlange vorbei und werden am Priority-Schalter bedient und abgefertigt. Die nette Dame bestellt den Service vom Roten Kreuz zum Einstieg. Da unsere Maschine nicht an einem Arm anlegt, sondern auf dem Flugfeld steht, bekommen wir einen Extra-Transportservice. Zwei wirklich nette junge Männer nehmen Oma samt Rollstuhl in Empfang und schieben sie in eine Art Hubwagen. Wir dürfen alle mit. Ins Flugzeug gelangen wir dann über den Cateringeingang völlig treppenfrei. Alles klappt super und wir sitzen vor allen anderen im Flieger und haben darüber hinaus keine Probleme unser Handgepäck - was auch unser einziges Gepäck ist - zu verstauen. Super!
In Stockholm auf dem Flughafen wartet wiederum eine Dame auf uns, die Oma bis zum Gepäckband auf einem Flughafenrollstuhl schiebt. Unser Rollstuhl wartet dort bereits und es kann losgehen.
Der Flughafen Arlanda liegt ein gutes Stück nördlich außerhalb Stockholms, die schnellste Verbindung in die Stadt ist der Arlandaexpress. Wir versuchen uns am Ticketautomaten, erstehen dort fünf Einzelfahrkarten und wundern uns über den extrem hohen Preis von umgerechnet 140 Euro für uns alle. Puh, dass Schweden nicht unbedingt das günstigste Urlaubsland ist, das wussten wir schon, aber so teuer? Das kann ja heiter werden.
Tatsächlich sorgen wir mit unseren Tickets für allgemeine Heiterkeit, als der Schaffner sie kurze Zeit später kontrolliert, wir haben viel zu viel bezahlt. Der gute Mann verkauft uns eine deutlich billigere Variante und erklärt uns, wie wir die 140 Euro am Schalter in Stockholm zurück erhalten. Das klappt problemlos und nach Aussage des netten Herren, der alles zurückbucht, sind wir nicht die einzigen Touristen, die das falsch machen. Das beruhigt uns, sind wir also nicht völlig blöd... Also, wenn ihr euch Tickets holt, achtet auf Gruppenrabatte. Rollstuhlfahrer fahren übrigens unentgeltlich mit.
Auf dem T-Centralen, dem Herz der Stockholmer U-Bahnen angekommen sind wir erstmal mehr oder weniger orientierungslos, aber dank unserer Altersstruktur gibt es Mitglieder unserer Reisegruppe, die wunderbar mit neuester Technik klar kommen. Meine Nichte hat sich die App der Stockholmer Verkehrsbetriebe heruntergeladen und führt uns sicher Richtung Hotel. Mit dem Rollstuhl dauert alles ein wenig länger, da wir manchmal schon auf einen Fahrstuhl warten müssen, aber Stockholm ist da einfach großartig, kein Bahnhof ohne Fahrstuhl, die Busse absenkbar, es gibt immer Möglichkeiten einen Rollstuhl mitzunehmen, die Halteknöpfe sind für Rollstuhlfahrer wirklich gut zu erreichen, also, ein großes Lob an die Stockholmer Verkehrsbetriebe, da ist Hamburg noch Meilen von entfernt.
Wir kommen spät in unserem Hotel an, essen noch etwas nicht so leckeres in einem Schnellrestaurant in der Nähe und fallen schließlich müde in unsere Betten.
Der nächste Morgen beginnt mit einem großartigen Frühstück in unserem Hotel, dem Park inn by radisson hammarby sjöstad. Das liegt südlich der Innenstadt und gefällt uns wirklich gut. So gestärkt gehts los Richtung Altstadt, nachdem wir im Laden an der Haltestelle Fahrtickets für drei Tage gekauft haben. Das Programm für heute: Altstadt und Königlicher Palast mit Wachablösung, mal sehen was wir schaffen.
Wir verlassen die U-Bahn an der Station Gamla Stan, nehmen den Fahrstuhl und befinden uns in der Altstadt. Die kopfsteingepflasterten Straßen und kleinen Gassen sind mit dem Rollstuhl nicht völlig problemlos zu bewältigen, zumal sie auch die eine oder andere Steigung beinhalten, aber wir wechseln uns ab und ab und zu muss Oma auch ein kleines Stück laufen. Gamla Stan ist sozusagen das mittelaterliche Stockholm, früher gab es noch eine Stadtmauer rundherum und das wars dann, alles andere existierte noch nicht.
Wir schlendern eine Weile durch die Gassen, schauen in einige Läden und landen schließlich rechtzeitig eine halbe Stunde vor Wachablösung vor dem königlichen Schloss. Die rücksichtsvollen Schweden lassen uns mit dem Rollstuhl direkt vor die Absperrung fahren, so dass wir einen hervorragenden Blick auf alles haben. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und bescheint das Szenario, so dass die armen Damen und Herren in Uniform sicher ordentlich ins schwitzen kommen.
Mit viel Rumtata und Täterä marschieren die Uniformierten der Musikkapelle nach einer ausgeklügelten Choreographie hin und her, Soldaten schmeißen zackig die Beine hoch oder trippeln im Laufschritt von einer Stelle zur nächsten, es wird ein bißchen rumgeschrien und gegrüßt, bis schließlich die eine Gruppe die andere abgelöst hat. Ungewöhnlich ist nur, dass die Kapelle außer der typischen Marschmusik auch Abbas Mamamia im Programm hat, was vom Publikum mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wird. An Wochentagen findet die Wachablösung um 12.15 Uhr statt, an Sonn- und Feiertagen um 13.15 Uhr.
Wir erholen uns im Innenhof des Schlosses bei kalten Getränken, bevor wir uns an die Besichtigung desselben machen. Das königliche Schloss soll tatsächlich 605 Zimmer haben, eines mehr als der Buckingham Palace. Es ist also ziemlich groß, von außen nicht unbedingt schön, aber auf jeden Fall beeindruckend. Bevor wir die Tickets kaufen, erkundigen wir uns, ob es einen Fahrstuhl gibt und natürlich haben die Schweden auch daran gedacht. Über einen Extraeingang wird Oma in einen versteckten Lastenaufzug gebracht, so dass sie ganz normal an der Besichtigung der Räumlichkeiten, die über verschiedene Stockwerke verteilt sind, teilnehmen kann.
Das königliche Schloss ist auch heute noch offizielle Residenz der königlichen Familie und gelegentlich wegen Staatsbesuchen oder Feierlichkeiten nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Wir schieben eine ganze Weile durch die prunkvollen Säle und Räumlichkeiten, treffen kein Mitglied der königlichen Familie und sind am frühen Nachmittag wieder draußen im Sonnenschein.
Eine kurze Pause und etwas zu Essen am Wasser, dann bummeln wir noch einmal durch die Altstadt, verlieren uns in einzelnen Geschäften, treffen irgendwelche Mitglieder der Sturmtruppen aus Starwars und machen uns schließlich auf den Weg zurück zum Hotel. Finden einen ordentlichen Italiener in der Nähe, der gute Pizzen und Pasta zu angemessenen Preisen verkauft. Nur das Glas Rotwein dazu, das umgerechnet mit 8 Euro zu Buche schlägt, fällt ein wenig aus dem Rahmen. Aber was solls, das sind halt schwedische Preise. Wir beschließen den Tag albern auf der Dachterrasse unseres Hotels, die nicht nur einen hervorragenden Ausblick bietet, sondern darüber hinaus noch einen Fitnessbereich und eine Sauna im obersten Stockwerk hat. Toll!
Am nächsten Morgen machen wir uns nach dem Frühstück auf zur Insel  Djurgården. Das ehemalige königliche Jagdgebiet beherbergt heute zahlreiche Museen und Freizeitparks in grüner Umgebung. Als wir mit der Fähre von Slussen nach Skeppsholmen und Djurgården fahren, schiebt sich die Sonne durch die Wolken und scheint den Rest des Tages zuverlässig auf die Stockholmer Stadt. Danke dafür. Die Fähre ist übrigens Teil des öffentlichen Personennahverkehrs und kann mit einem gültigen SL-Ticket oder dem Stockholm-Pass kostenlos genutzt werden.
Auf Djurgården findet man nicht nur das Abba-Museum, das nordische Museum, das Vasamuseum und die Astrid-Lindgren-Welt Junibacken, den Freizeitpark Grönalund und das Freilichtmuseum Skansen. Sondern auch ganz viel Park und Kunst und Boote und Hafen und Restaurants und, und, und...
Wofür soll man sich da entscheiden? Wir beschließen uns aufzuteilen.  Ein Teil geht Abba besuchen und wir machen uns mit Oma und Rollstuhl auf den Weg ins Vasamuseum. Das hat übrigens rein gar nichts mit Knäckebrot zu tun, sondern mit einem alten Kriegsschiff, nämlich der Vasa. Die sank nämlich schon auf ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1628 nach einem knappen Kilometer Fahrt unweit des heutigen Museums, lag dort ein paar Hundert Jahre still und einsam unter Wasser und wurde 300 Jahre später wieder geborgen.
Heute präsentiert sie sich in einem extra dafür konstruiertem Gebäude in ihrer ganzen Pracht bei schummriger Beleuchtung. Auf einer deutschen Führung - bei der sich die meisten deutschen Teilnehmer nicht einmal halb so behindertenfreundlich verhalten wie die Schweden - erfahren wir so allerhand Wissenswertes. Achtundsechzig Meter lang ist das Kriegsschiff und es besteht zu 98 % aus Originalteilen. Über tausend Eichen wurden für den Bau benötigt, die nicht etwa aus Schweden stammten, sondern aus dem Königreich Polen, mit denen man zwar damals in die  Auseinandersetzungen des dreißigjährigen Krieges verwickelt war, was aber wohl den wirtschaftlichen Beziehungen keinen Abbruch tat. Hach, die Welt hat sich seither kaum verändert...
Es sollte ein besonders schnelles starkes Kriegsschiff werden, deshalb wurde es so schmal konstruiert und mit reichlich Kanonen bestückt, jede fast anderthalb Tonnen schwer. Keine gute Kombination!
Als die schweren Kanonen zum Salut schossen, drang Wasser in die Luken und innerhalb kurzer Zeit befand sich die Vasa am Meeresboden. So schnell kann es gehen.
Insgesamt ein wirklich beeindruckendes Museum mit ganz viel Ausstellung rundherum für die uns tatsächlich die Zeit fehlt. Das liegt daran, dass der Fahrstuhl, den es hier natürlich gibt, auch gerne von Reisegruppen oder Einzelpersonen genutzt wird, die nicht in der Lage sind ein Stockwerk zu Fuß zu laufen und man deshalb relativ lange auf diesen warten muss. Ja, immer diese Fußkranken...
Unser Nachmittag gehört den Stockholmer Schären. Nur ein Bruchteil der 30.000 Stockholmer Inseln und Inselchen ist bewohnt, unzählige wunderschöne Flecken ragen hier aus dem blauen Wasser. Wir fahren mit der SS Stockholm, die auf uns ein wenig historisch wirkt und nur wenig behindertenfreundlich ist. Wir schaffen es trotzdem für uns und Oma Plätze auf dem knapp bemessenen Oberdeck im Freien zu ergattern und verteidigen diese auch die drei Stunden, die unsere Fahrt dauert.
Wunderbare Ausblicke, soweit das Auge reicht. Wer bisher keine Lust hatte ein wenig Zeit in einem der schwedenrot gestrichenen Ferienhäusern auf einer Schäreninsel zu verbringen, der bekommt sie mit Sicherheit auf dieser Fahrt.
Auf der Rückfahrt zum Hotel lernen wir das erste Mal die wundervollen Bahnhöfe der  U-Bahnlinien kennen. Die alleine sind ein Grund Stockholm erneut zu besuchen, denn wir haben viel zu wenig von denen gesehen.
Den Abend verbringen wir im Hotel, erst bei einem teuren Essen im Restaurant und danach in der Sauna und mit einem alkoholfreien Merlot im Fitnessbereich. Ich wusste bisher gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Aber glaubt mir, ein Traubensaft tut es dann auch...
Und schon ist unser letzter Tag in Stockholm angebrochen. Also verlassen wir nach dem Frühstück unser Hotel und verschließen unser Gepäck erst einmal in den Schließfächern des Stockholmer T-Centralen. Was machen wir nun mit dem letzten Tag in dieser Stadt?
Anschließend verschaffen wir uns einen nachträglichen Überblick über Schwedens Hauptstadt, indem wir eine Weile mit dem Hop on- Hop of-Bus fahren. Und wir besuchen die königlichen Ställe, die wohl so etwas wie ein kleiner Geheimtip sind, denn wir treffen nur wenige Leute dort. Dabei ist die Führung ausgesprochen spannend und informativ und in einem Englisch, das wirklich gut verständlich ist. Für Oma übersetzt Milena, so dass auch diese die Anekdoten verstehen kann.
Ja, und dann ist unsere kleine Reise auch schon zu Ende. Stockholm hat sich als ausgesprochen behindertenfreundlich präsentiert. Keine andere bisher von uns besuchte Großstadt kann da mithalten. Ich für meinen Teil werde sicher noch einmal wiederkommen, denn es gibt zu viele Dinge, die wir in der kurzen Zeit nicht sehen konnten.
Also: Auf Wiedersehen Stockholm 😄






Kommentare:

  1. Sehr informativer Bericht und wieder tolle Bilder! Schön, dass Ihr der Oma die Tour mit dem Rollstuhl ermöglicht habt!
    Stockholm hatte ich bis jetzt noch nie auf dem Plan, sollte ich wohl doch mal in Betracht ziehen!

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    1. Auf jeden Fall! Ich war auch überascht wie entspannt diese Stadt ist und vor allem was sie alles zu bieten hat. Stockholm ist bestimmt eine Reise wert, wenn nicht sogar mehrere :)

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